Der weiße Leithund – Nachsuchen im Schnee

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Nachsuche im Schnee

Schnee ist nicht gleich Schnee. Er ist vielfältig und kann die Arbeit eines Nachsuchengespannes unterstützen oder erschweren. Schweißhundführer Seeben Arjes schildert die Unterschiede der weißen Pracht.

FOTO: KARL-HEINZ VOLKMAR

Als Schweißhundführer ist mir der Schnee grundsätzlich willkommen. Bis auf wenige Ausnahmen unterstützt er als „Weißer Leithund“ sowohl den Jäger als auch den Hundeführer. Grundsätzlich erkennt der Schütze bei Schnee leichter, ob er getroffen hat. Er kann sowohl den Anschuss leichter entdecken als auch Pirschzeichen besser finden, um dem Schweißhundführer verlässliche Anhaltspunkte zu liefern und bestmöglich einzuweisen. Dem Hundeführer hilft der Schnee, auch unterwegs Pirschzeichen zu finden, denn roter Schweiß ist auf weißem Schnee natürlich weithin sichtbar. Er kann im  Bedarfsfall seinem Hund wertvolle Hilfe geben. Dennoch gibt es Situationen, in denen eine
Schneelage das Nachsuchengespann behindert.
Alle Wetterfaktoren können eine Nachsuche beeinflussen. Auf ihr jeweiliges Zusammenspiel
kommt es an. Hierzu müssen wir uns zunächst vor Augen führen, woraus eine (Wund)-Fährte besteht und welche Signale die Hundenase leiten: Jedes Tier, das sich auf dem Erdboden durch die Natur bewegt, hinterlässt eine Spur. Diese besteht aus verschiedenen Komponenten:
1.Bodenverwundung: Ein gegenüber der Umgebung verändertes Mikrobenleben im Trittsiegel.
2.Individualgeruch: Wildart, Geschlecht, Alter, psychische Verfassung.
3.Verlorene „gesunde“ Körperteile: Hautschuppen, Haare, Atempartikel.

Bei krankem Tieren kommen hinzu:
4.Verlorene, „kranke“ Körperteile: Organteile, Schweiß, Lymphe.
5.Veränderte, „kranke“ Drüsenabsonderung: durch Wundsein andere Blutzusammensetzung, Angst, Adrenalin, Fieber usw.

Frost, Harsch oder Eis: Eine so geschlossene Oberfläche gibt keine oder kaum Wittrung frei
Pulverschnee bedeckt die Landschaft. Ob hier ein krankes Stück Wild gezogen ist, verrät die verwehte Schneefläche nicht mehr. Könnte ein Schweißhund der Wundfährte folgen?

Die Summe dieser Details ergibt einen Geruchscocktail, an dem sich der Hund orientiert – und zwar nur über seine Nase. Der Hund verwertet nicht die sichtbaren, festen Teile der Fährte, sondern nur die von ihr abströmende Wittrung.
Dieser aber entsteht erst, wenn zersetzende Stoffwechselprozesse feste Partikel in gasförmige umwandeln (Fäulnis). Ob und wie sehr eine Fährte „duftet“, hängt also davon ab, wie intensiv die zersetzenden Stoffwechselvorgänge in der Fährte ablaufen und ob der entstehende Geruch für die Hundenase verfügbar ist. Hierauf kann das Wetter Einfluss
haben. So weiß man, dass Kälte und Frost Stoffwechselprozesse unterdrücken. Deshalb nimmt man beispielsweise im Tiefkühlfach auch keine speziellen Gerüche war. Hingegen
fördern warme Temperaturen und ein feuchtes Klima die Zersetzung der hinterlassenen
Partikel. Nachsuchen bei Schnee unterscheiden sich grundsätzlich dadurch, ob das wunde Stück über eine schon vorhandene Schneedecke gezogen ist, oder ob die weiße Pracht
eine Fährte zugedeckt hat. Im ersten Fall ist der Schnee, egal welcher Art, sehr hilfreich. Der Anschuss ist schnell gefunden, Pirschzeichen liegen deutlich sichtbar auf weißem Grund. Die Fluchtrichtung und der Verlauf der Fährte sind gut zu erkennen. Dabei erscheint
unserem Auge die Sache aber oft schlimmer als sie in Wirklichkeit ist, denn Schweißtropfen zerfließen im weichen Schnee zu großen, roten Flecken.

Das Prinzip „Gießkanne“: Wenn ein Stück Wild so viel Schweiß verliert, müsste es doch eigentlich in der nächsten Dickung liegen. Doch Vorsicht: Im Schnee verfließen Schweißtropfen und wirken größer
Durch den lockeren Schnee kann der Spezialist ausreichend Duftpartikel aufnehmen. Hin und
wieder bestätigt er sich durch das Graben nach Pirschzeichen selbst.
FOTOS: GÜNTHER LUDWIGS

Der Hund hat dennoch keine Schwierigkeiten, die für ihn wichtigen Signale aus dem Schnee aufzunehmen, obwohl die geruchsbildenden Stoffwechselvorgänge aufgrund der niedrigeren Temperaturen langsamer ablaufen mögen als im Sommer.
Sind Anschuss und Fährte unterhalb einer Schneedecke, entsteht eine Situation, in der wir Führer mit unseren Augen völlig hilflos sind. Wir sehen kein Schnitthaar, keinen Schweiß und auch andere Zeichen wie Kugelriss, Eingriffe, Trittsiegel und Fluchtrichtung sind verschwunden. Wir müssen die ganze Nachsuche unserem Hund überlassen.
Der allerdings ist keineswegs hilflos. Er hat trotz des Schnees alles, was er braucht. Unter der Schneedecke besteht meist ein frostfreies, feuchtes, windfreies Klima, in dem sich der mikrobielle Stoffwechsel ungestört entwickelt. Die entstehenden geruchlichen Signale, das heißt die abströmenden Gase, dringen durch den Schnee nach oben und können von
der Hundenase ausgewertet werden. Die Durchlässigkeit der Schneedecke für Gerüche wird zum Beispiel von Lawinenhunden eindrucksvoll bewiesen, die unter viel dickeren Schneedecken Menschen aufspüren.

Der Winterwald begeistert das Auge des Betrachters. Sollte aber der Schweißhund da drinnen eine Sau stellen, ist der Bail für den Hundeführer nur schwer auszumachen. Denn er sieht kaum etwas, und auch Geräusche werden von der weißen Pracht verschluckt.
Auf der hellen Schneedecke ist nicht nur das Wild besser anzusprechen, auch der Anschuss ist sowohl für den Schützen als auch den Nachsuchenführer deutlicher zu erkennen.

Eine auf der Fährte liegende, lockere Schneedecke macht einem erfahrenen Schweißhund bei seiner Arbeit keine Probleme. Als Hundeführer kann ich also mit der Nachsuche einer
überschneiten Fährte jederzeit beginnen, ohne dass die Erfolgsaussichten eingeschränkt sind, vor allem wenn es sich um weichen Schnee handelt, womit in erster Linie trockener Pulverschnee gemeint ist. Aber auch weicher Nassschnee behindert die Hundenase kaum. Er ist zwar in seiner Konsistenz kompakter, aber immer noch porös genug, um Duftsignale nach oben hindurch zu lassen. Sein hoher Feuchtigkeitsgehalt und das bei Nassschnee frostfreie Klima begünstigen die Entstehung der gasförmigen Duftsignale.
Der hohe Wassergehalt im Schnee mag aber den Transport der Duftpartikel etwas hemmen, denn ich beobachte gerade bei Nassschnee häufig, dass die Hunde auf dem Anschuss oder in der Fährte ihre Nase tief in den Schnee bohren oder mit den Pfoten
scharren. Sie legen die Pirschzeichen frei, um sich von der Richtigkeit ihrer
Wahrnehmungen zu überzeugen. Es gibt eine Besonderheit, die Hund und Führer derart behindert, dass sie aufgeben müssen: den Harschschnee. Wenn Eisregen oder Frost
nach Tauwetter den Schnee mit einer Eiskruste versiegeln, entsteht eine für die Hundenase nicht zu durchdringende Barriere. Hinzu kommt: Beim Auftreten bricht das dünne Eis wie Glas. Der Hund tritt hindurch und schweißt bald selbst, weil die scharfen Eiskanten
ihm Pfoten und Läufe aufschneiden. Dann hilft nur eines: Warten, bis die Tagessonne die Kruste schmelzen lässt. Danach sind alle bis dahin gespeicherten Duftsignale wieder verfügbar.
Starker Frost in Verbindung mit trockener Schneelage stört die Nachsuche
nicht oder wenig. Es scheint so, als würden sich die den Hund leitenden Duftkomponenten
in und auf dem Schnee besser halten als auf kahlem Boden. Im Januar 1997 fand in der Lüneburger Heide eine Drückjagd bei extremer Kälte statt. Knirschender Schnee lag zirka zehn Zentimeter hoch, das Thermometer zeigte mittags noch minus 20 Grad Celsius. Zwei
Schweißhunde konnten am Nachmittag alle angefallenen Nachsuchen ohne Probleme bewältigen. Vielleicht hatte der weiße Niederschlag die Fährten „warm“ gehalten.
Auf kahlem, schneefreiem Boden dagegen haben meine Hunde bei extremen
Frost häufig Schwierigkeiten. Auch ein Sturm ist bei Schnee besser zu verkraften
als auf freiem Boden. Im Normalfall, also bei leichtem stetigen Wind, arbeitet
der Hund „unter Wind“ neben der Fährte, um dort die abdriftende Wittrung einzufangen.
Das klappt gut. Ein starker Sturm aber fegt alle feinstofflichen Signale mit sich weg, zum Beispiel, wenn er das Laub durcheinander wirbelt. Dann muss der Hund aufgeben. Schnee bindet dagegen die Zeichen, die den Geruch erzeugen. Bei einer steifen Brise sieht man die Schweißhunde oft mit ihren Nasen regelrecht durch den Schnee pflügen. Sehr störend wirkt sich viel Schnee im letzten Akt der Nachsuche aus – beim Stellen und für den Fangschuss. Dieses Finale findet meist in Dickungen statt. Dort ist die Sicht stark eingeschränkt. Bei hoher Schneelage auf den Zweigen sieht man so gut wie nichts mehr. Zudem schluckt der Schnee alle Geräusche, wodurch der Führer den Laut seines Hundes erst auf kurze Entfernung vernimmt. So hilfreich der weiße Leithund am Anfang der Nachsuche ist, so gefährlich erweist er sich am Ende.

Altschnee
Altschnee liegt bereits seit mindestens drei
Tagen, und die Kristalle sind nun weniger stark
verästelt und abgerundeter.
Diamantschnee
Wenn das Wetter schön, aber sehr kalt ist und
plötzlich feinste Eisnadeln und Eissterne vom
Himmel fallen, dann handelt es sich dabei um
Diamantschnee.
Faulschnee
Faulschnee ist ein Gemisch aus Wasser und
größeren Schneebrocken, die nicht mehr gut
zusammenhalten.
Firn
Firn ist mindestens ein Jahr alt, und seine Dichte
liegt über 600 kg/m3. Die feinen Eiskristalle
sind durch wiederholtes Auftauen und Gefrieren
zu größeren Eisbrocken verschmolzen.
Aus Firnschnee können sich im Laufe der Zeit
Gletscher entwickeln. Mess-Kriterium ist das
Alter des Schnees. Firnschnee hat keine kristalline
Form mehr. Die Schneekörner gleichen
kleinen gefrorenen Eisbrocken.
Feuchtschnee
Feuchtschnee klebt unter Druck zusammen
(Schneeball), es lässt sich jedoch kein Wasser
herauspressen.
Harsch
Harsch ist Altschnee, der durch Schmelzen
und Gefrieren an der Oberfläche zu einer festen
gefrorenen Schicht geworden ist. Mess-
Kriterium ist das Alter des Schnees (siehe Altschnee).
Harschschnee hat keine kristalline
Form mehr. Die Schneekörner gleichen kleinen
gefrorenen Eisbrocken.
Lockerschnee
Schnee mit geringer Dichte, bei völliger Windstille
wird er auch als Wildschnee bezeichnet.

Nassschnee
Als Nassschnee wird der bei Temperaturen um oder
leicht über null Grad fallende Schnee mit einem hohen
Anteil an flüssigem Wasser bezeichnet. Hierdurch wird
er besonders schwer und pappt stark. Bei Anlagerungen
auf Bäumen und auch an Überlandleitungen kann er daher
zu einer ernsten Gefahr werden, vor allem wenn er in
größeren Mengen fällt. Aufkommender Wind löst dann
rasch Bruch aus, auch wenn der Schneefall bereits lange
beendet ist.
Neuschnee
Dieser frische Schnee zeichnet sich dadurch aus, dass die
ursprünglichen Kristallformen erkennbar sind. Das heißt
die Eiskristalle sind noch fein verzweigt mit spitzen
Zacken. Die Schneedichte beträgt ca. 100 kg/m3. Mess-
Kriterium ist das Alter des Schnees. Meteorologisch wird
unter Neuschnee der innerhalb der letzten 24 Stunden
gefallene Schnee bezeichnet.
Pappschnee
Pappschnee fällt bei Temperaturen um null Grad. Deshalb
enthält er außer Schneekristallen auch Wassertröpfchen,
die noch nicht gefroren sind. Er ist nass, seine
Flocken sind groß. Die Nässe bewirkt, dass er sich leicht
zusammenballen lässt.
Pulverschnee
Pulverschnee ist trockener Schnee, der auch unter Druck
nicht zusammenklebt.
Schmelzharsch
Durch Sonneneinstrahlung wird die Harschoberfläche
angeschmolzen und weicher. An steilen Südhängen geschieht
dies meist rasch, an flachen und nordseitigen Lagen
oft gar nicht oder nur schwach.
Schwimmschnee
Schwimmschnee besteht aus großen, becherförmigen
und kantigen Kristallen, die in sich instabil sind. Er hat eine
zuckerartige Konsistenz und rieselt bindungslos
durch die Hand. Schwimmschnee entsteht, wenn Wasserdampf
aus bodennahen, wärmeren Schneeschichten
nach oben steigt und in der darüberliegenden Schicht
erneut gefriert. Fällt nasser oder schwerer Schnee auf
den Schwimmschnee, können sich die instabilen Kristalle
lösen und so eine Lawine auslösen.

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