Getarnte Flieger, gefleckte Hunde

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REBHUHNJAGD IN DÄNEMARK

Ein lockerer Plausch, revierende Hunde. Plötzlich durchfährt Spannung den Körper von Vierläufer und Waidmann. Troels Romby Larsen begleitete begeisterte Rüdemänner auf der Hühnerjagd.

Falk Kern

Foto: Troels Romby Larsen

Die Gruppe, die sich mit großem „Hallo“ begrüßt, ist guter Stimmung. Die vier Jäger kennen sich, und auch ihre vierläufigen Begleiter aus dem englischen Königreich bewinden sich, als wären sie alte Bekannte. Erling Clausen hat seinen schwarz-weißen English Setter „Iasy“ bei sich. Freudig wedelnd stehen „Blanco“ und „Bojana“, zwei English-Setter Orangeschimmel, mit ihrem Führer Sven Aage Vad daneben. Flemming Vilslev mit seiner Irish-Setter-Hündin „Josefine“ und Ulrik Stadelhofer mit seinem Gordon Setter „Mal“ machen die Runde komplett. Auf etlichen Prüfungen sind die Hunde gemeinsam gelaufen. Mit ihren Haltern bereisen sie Norwegen, Schweden, England und die Slowakei, um Hühner, Schnepfen, Fasane und Wachteln zu jagen. Heute sind sie in ihrer Heimat Dänemark. Es ist der 16. September. Ein großer Tag für Hühnerjäger – denn die Rebhuhnsaison beginnt.

Foto: Regina Usher
Aufbruch zur Hühnerjagd. Die dänischen Waidmänner ziehen mit ihren Hunden ins Revier. Foto: Troels Romby Larsen

Den Jägern merkt man die Freude an. Ihre Hunde wirken routiniert. Dies ist kein Wunder, handelt es sich bei den Vierläufern um die Elite der in Dänemark eingesetzten englischen Vorstehhunde. Sie gelten offiziell als Mitglieder der Top Ten. Das merkt man ihnen an. Nach einem kurzen Gespräch, in dem die Einteilung auf die zwei Jagdgebiete erfolgt, starten die Teams.

Sven arbeitet mit seinen zwei rot- weißen English Settern nahe bei Erling und seinem Schwarzschimmel „Iasy“. Der schwarz-weiße Brite bewegt sich in raumgreifender Quersuche. Setter-typisch steht die Nase hoch im Wind. Der schwarze Schwamm vibriert, saugt auf und scheint von einer Sekunde zur anderen in der Luft zu stehen, während der gesamte Hundekörper herumfliegt. Der Vierläufer erstarrt.

Eine Kette Hühner steigt auf. Hier zu dublettieren ist große Kunst. Foto: Troels Romby Larsen

Im Gegensatz zu den übrigen Vorstehhunderassen zeigt der Setter jetzt eindrucksvoll, warum er seinen Namen trägt. Er steht zwar vor, doch wird er dabei sehr „tief“, sodass sich zeitweise der Eindruck entwickelt, er sitze oder liege das Wild vor. Diese Art der Wildanzeige rührt von seinem ursprünglichen Einsatz.

Bereits im Mittelalter nutzte man „setting dogs“ für den Vogelfang. Da der Jäger oder besser Fänger sich hier dem anzeigenden Hund von hinten näherte und ein Netz über ihn hinweg auf die Beute warf, war ihm der so anzeigende Hund weniger im Weg, als der hochvorstehende es gewesen wäre.

Erling tritt langsam an seinen Jagdpartner heran, fasst ist die Anspannung des Waidmannes greifbar. Sein Puls scheint hör- und fühlbar. „Iasy“ ist nur noch durch die wehende Fahne an der Rute von einer Statue zu unterscheiden. Der Hund steht perfekt durch. Scheinbar aus dem Nichts steigt das erste Rebhuhn des Tages auf. Die Flinte fliegt an den Kopf, und die Schrote lassen den kleinen braungefleckten Flieger auf den spätsommerlich grün-gelben Boden sinken. Auf den Wink seines Herrn apportiert „Iasy“ die Henne.

Was für ein Start! Sven scheint auch Glück zu haben, denn nach nur kurzer Suche steht auch sein „Blanco“ vor. Diana ist ihm heute jedoch nicht von Anfang an hold. Statt eines erwarteten Vogels geht eine ganze Kette von circa zwölf Hühnern hoch. Ob der Qual der Wahl pardoniert er alle. Zwei zu schnelle Schüsse und die „Kirrik – krrik“- Rufe der davonsegelnden Kette klingen höhnisch, wie in der Sage beschrieben.

Der Irish Setter „Josefine“ steht vor. Langsam und ruhig nähert sich der Schütze. Foto: Troels Romby Larsen

Das Rebhuhn (Perdix perdix) wurde 1758 von Carl von Linnèe als Perdix bezeichnet. Begründet wurde dieser Name mit dem charakteristischen Laut, den die Hühner von sich geben. Ein Grund hierfür findet sich in der griechischen Mythologie. In den Metamorphosen des Ovid wird die Geschichte von Perdix, dem Neffen des berühmten Baumeisters
Daidalos erzählt. Mit zwölf tritt dieser in die Lehre bei seinem Oheim, der ihn ob des Neides auf sein erstaunliches Talent von der heiligen Burg Athenes stürzt. Die Burgeignerin (Göttin Athene), den begabten Menschen besonders zugetan, fängt den Jungen auf und verwandelt
ihn in ein Rebhuhn. In der neuen Gestalt wird es zum ständigen Vorwurf für den neidischen Daidalos. Dies gipfelt in den als schadenfreudig klingenden Lauten, die es ausstößt, als der neidische Onkel seinen Sohn Ikarus, der zu nahe an die Sonne geflogen ist, auf Ikaria begraben muss.

Das alles ist Sven aber momentan völlig egal. Zwar klingen ihm noch die Rufe der entflohenen Flieger in den Ohren, im Gegensatz zu Daidalos hat er aber die Flinte bereits wieder im Voranschlag. Jetzt scheint nämlich seine Hündin „Bojana“ fündig geworden zu sein. Nahe tritt der Führer an den Hund. Bruchteile von Sekunden später gehen zwei
Hühner hoch. Die Schmach der ersten Kette hat ihre Wirkung gehabt, denn nach dem Aufschlag von zwei Hühnern auf dem weichen Boden stehen nur noch drei Federn für einen Augenblick in der Luft. Der Schütze strahlt, der Jagdfreund lächelt ihm bestätigend zu.

Nach ein paar Stunden hat die Jagd Hunden und Führern einiges abverlangt. Sieben Hühner hängen am Galgen. Die Arbeit der Hunde wird diskutiert, während diese die Ruhepause abgelegt verschlummern. „Es gibt viele Reviere, in denen Rebhühner ausgesetzt werden“, erzählt einer der Jäger. „Da schießt man locker 120 Vögel pro Tag. Hier aber ist es Jagd“, setzt er nach. Die anderen stimmen ihm nickend zu.

Zwei Briten in Dänemark: „Blanco“ und „Bojana“, zwei Orangeschimmel English-Setter
Foto: Troels Romby Larsen

Am Nachmittag bejagen sie einen weiteren Beritt. Anfangs scheint dort nicht viel los zu sein. Die Hunde sind anderer Meinung. Im rassespezifischen edlen Galopp fliegen die Briten quer über die Fläche. Immer wieder jagen Kopf und Körper der versierten Nase hinterher. Immer wieder erstarren sie und bescheren ihren Jägern spannende Momente.

Auch Erling bringt noch eine Dublette zustande. Eine wahre Kunst auf die nur 30 Zentimeter großen und um 400 Gramm schweren Vögel. Auch bei den Freunden mit ihren Irish- und dem Gordon-Settern verlässt so manche Schrotgarbe den Lauf.

Am späten Nachmittag sind die Taschen der Waidmänner gut gefüllt und die Hunde rechtschaffen müde. Die Gruppe kommt wieder zusammen und legt Strecke. 21 Hühner sind zu verzeichnen, und die pragmatischen Dänen fangen beim Klönen über die erfolgreiche Jagd nach einer kurzen Pause an, die kleinen Delikatessen zu rupfen. „Lass die anderen Chicken- Sandwiches essen“, witzelt Kurt. „Bei uns gibt’s heute Smörrebröd (Butterbrot) Perdix.“

Entgegen der klassischen englischen Jagdart suchen die geführten Setter nicht nur, sie apportieren auch.
Foto: Troels Romby Larsen
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