Im Reich der Giganten

674
Böcke

SCHWARZE ERDE – ROTE BÖCKE

Vom heimischen Rehwild fasziniert, zog es Frank Rakow nach Asien, um die Sibirischen Bockgiganten kennenzulernen. Über mehrere Reisen sammelte er interessante Eindrücke vom Sibirischen Rehwild, ebenso wie über die Entwicklung der Jagd mit Gästen aus dem westlichen Ausland.

Für einen wie mich, den das heimische Rehwild auch nach jahrzehntelanger Jagd noch fasziniert, war es ein besonderer Reiz, den großen Vetter jenseits des Urals auf die Schalen
und natürlich auch auf den imposanten Kopfschmuck zu schauen. Die erste Gele-
genheit bekam ich 1993 in der Region Tscheljabinsk, 1996 folgte der 2. Akt im äußersten Nordwesten Kasachstans, im Raum Kustanai. Und jetzt sollte die 3. Etappe folgen, in dem Gebiet, das stets für Eingeweihte das Mekka für Capreolus pygargus gilt: in Kurgan.
Doch blenden wir zunächst zurück, denn diese Rehbockjagden sind ein gewisses Spiegelbild der jagdtouristischen Entwicklung nach dem Ende der Sowjetunion. Beeindruckend bei der ersten Reise nach Tscheljabinsk war allein schon der personelle Aufwand. Zwei Westjäger wurden von immerhin 13 Leuten mit 5 Fahrzeugen betreut, Köchinnen oder ähnlich hilfreiche Geister gar nicht eingerechnet. Doch auch dieser enorme Aufwand half nur begrenzt. Die Unerfahrenheit mit den Wünschen zahlender Jagdgäste aus dem Westen (viel Trophäe in wenig Zeit) verhalf nur zu einer nennenswerten Trophäe. Für die auf Fleischjagd ausgerichten einheimischen Jäger stand die Masse an Wildbret deutlich vor der auf dem Haupt. Ausmachen, Ansprechen, Anpirschen schienen Fremdworte zu sein. Kaum tauchte ein Gehörn am Horizont auf, hieß es nur noch von allen Seiten „Schießen, schießen, schießen!“, selbst wenn nur noch ein wippender Spiegel am Horizont zu sehen war. Ein Berufsjäger, den ich fragte, wie er denn das Rehwild selber bejage, berichtete stolz, dass er in einem Winter auf dem Feld einen Sprung von 40 Rehen ausgemacht habe, die in riesigen Schneewehen feststeckten. Da sei er hingegangen und habe sie alle erschossen. Wenig Aufwand und viel Fleisch: Die Welt der russischen Jäger ist anders ausgerichtet. Während hierfür vielleicht noch ein gewisses Verständnis aufzubringen war, verärgerten umso mehr die abenteuerlichen Geschichten, die man uns über die Lebensweise dieses Wildes auftischen wollte. Kostprobe gefällig: „Morgens um 9 Uhr ziehen die Böcke alle in den Sumpf und schlafen bis zum Abend.“ Während der Brunft! Ich hatte eher das Gefühl, dass sich unsere Begleiter nach ausgiebiger Siesta sehnten. Unsere drei Böcke fielen übrigens in der „Sumpfzeit“ und widerlegten diese These gleich vor Ort.

Faszinierend war die Weite, Großzügigkeit und Stille der Landschaft vor der Kulisse des Urals, des Gebirges, das Asien von Europa trennt. Teilweise lieblich zu nennende Wiesenpartien, durchsetzt mit Birkenwäldern, dazwischen riesige Getreideschläge und Brachen. Gar nicht so weit entfernt von osteuropäischen Verhältnissen, nur alles ein paar Nummern größer. Die Rehwilddichte hier war nicht besonders hoch, aber durchaus in Größenornnungen, die eine erfolgreiche Bejagung zulassen würde. Doch da vorher in keiner Weise „Aufklärungsarbeit“ betrieben worden war, dominierte das Prinzip Zufall. Erst auf mein Bitten verzichtete der Rest der Mannschaft aufs Kartenspielen im Bus und besetzte Spekulierposten, wenn wir auf Pirsch oder Ansitz gingen. Ungewohnt waren für uns „Kleinfelder-Europäer“ nicht nur die Dimensionen dieser Region, sondern auch die Entfernungen, die wir täglich auf den abenteuerlichsten Pfaden zurücklegten. War überhaupt ein Ziel gesetzt, bedeuteten drei Stunden intensivster Bandscheibenmassage gar nichts. Blieben wir ohne Anblick, wurde ein Drückerle veranstaltet. Damit entkamen wir wenigstens der Holperkiste. Erfolg brachte es jedoch nicht.
An Tageskilometern noch übertroffen wurde drei Jahre später der Aufent- halt im Raum Kustanai, im äußersten Nordwesten von Kasachstan. Die Landschaft präsentierte sich weniger lieblich: vorwiegend Brache, dazwischen inselartige Waldpartien, ganz selten einige Getreideschläge. Der Begriff „Waldsteppe“ trifft diesen Landschaftstypus recht gut. Kilometer um Kilometer haben wir hier abgerissen. Wenn überhaupt Rehe in Anblick kamen, dann brachten sie sich meistens schon auf hunderte von Metern im Hochgeschwindigkeitstempo aus der Gefahrenzone. Egal über welche Schleichwege (wenn es überhaupt Wege waren) die widerstandsfähigen Blattfedern den UAS-Geländewagen schaukelten – die nachtfrischen Reifeneindrücke verkündeten stets die Aktivitäten unserer „Mitjäger“. Immerhin versorgten die Nachtaufklärer am abendlichen Lagerfeuer unseren russischsprachigen Begleiter mit freundlichen Tipps, denn für Wilderer waren wir keine Konkurrenz – weil wir uns ja nur für die Trophäen interessierten und ihnen mit unserer Jagdart eindeutig unterlegen waren.

Immerhin bekamen wir nützliche Hinweise aus Scheinwerfersicht, wo starke Böcke in dem riesigen Areal in den Lichtkegel unserer Freunde geraten waren. Ob eine dieser Erleuchtungen geholfen hat? Immerhin begleitete uns zum Schluss noch eine sehr ansehnliche Rehkrone auf dem Rückflug nach Almaty, flüchtig auf beinahe unanständige Entfernung zur Strecke gebracht. Die Freundlichkeit der gesamten Jagdmannschaft in Kustanai überdeckte nicht
die Kluft in den jagdlichen Auffassungen zwischen Einheimischen und Gästen: Für unsere Gastgeber war es nur schwer nachvollziehbar, dass Mitteleuropäer Tausende von Kilometern zurücklegen, um so ziemlich das einzige von einem Sibirischen Rehbock mitzunehmen, was man nicht essen kann. Die offene Landschaft, das wenige Rehwild in einem riesigen Gebiet und die Beunruhigung lassen die Chancen sehr schmal werden, speziell bei einer selektiven Jagd. Da muss der gnädige Zufall dem Jägersmann schon freundlich die Hand entgegenstrecken. Als Kernland des Sibirischen Rehbockes gilt seit Öffnung der Jagd in Russland für Ausländer die Region Kurgan. Von hier und aus der angrenzenden Region Tscheljabinsk stammen die stärksten heute bekannten Trophäen dieser Wildart. Während in anderen Regionen der Kopfschmuck durch seine enorme Länge (bis zu 47 cm) beeindruckt, punkten die Böcke aus Kurgan mit erheblicher Masse. Weil mein Interesse an den Bockgiganten im fernen Osten trotz (oder vielleicht gerade wegen) der zwei recht unbefriedigenden Reisen nicht erlahmt war, sagte ich freudig zu, eine Jagdgruppe nach Kurgan zu begleiten, um Film- und Fotoaufnahmen von Wild und Jagd zu machen. Lag es an der Zeit, die inzwischen vergangen war, oder hatte ich nur das Glück, an die richtigen Partner auf russischer wie auf deutscher Seite geraten zu sein? Was für ein Unterschied im Vergleich zu den bisherigen Aufenthalten: fast neue, für russische Verhältnisse perfekt eingerichtete Holzhäuser im Revier, Jagdführer, die sich blendend auskannten und eine Rehwilddichte, die trotz der riesigen Ausmaße des Reviers Schumicha (120000 ha) jedem hiesigen Förster die Schweißperlen auf die Stirn getrieben hätten.
Der Biotop: Eine lichte und abwechslungsreiche Landschaft mit riesigen Getreideschlägen auf fruchtbarer Schwarzerde dieser Tiefebene Westsibiriens. Teilweise stand das Getreide (vorwiegend Weizen) Anfang September noch. Das großrahmige Rehwild schaute aber trotzdem locker aus diesem Halmenmeer heraus. Dazwischen Birkenwälder mit viel Unterwuchs. Besonders anziehend für uns und das Wild die vielen Wiesen. Sie werden meistenteils genutzt, das Gras wird auf Reutern getrocknet oder zu großen Diemen zusammengetragen, die sich hervorragend als Ansitz eignen. Die vielen Grenzflächen gefallen nicht nur dem Rehwild, sondern ermöglichen Pirsch und Blatten. Mit Jagdbeginn am 25. September befanden sich die Rehe in der Hochbrunft, was de akustischen Verführung durch Fieptöne deutliche Grenzen setzte. Aber da die Böcke heftig trieben, war auch so reichlich

Bewegung vorhanden. Besonders stolz präsentierten Peter, der Chef des örtlichen Veranstalters Sapsan, und Wladimir ihre großen Wildäcker mit Raps und Luzerne, die sich als Magneten für das Wild erwiesen. Selbst Hochsitze waren vorhanden. Ein Vertreter unserer Berufsgenossenschaft hätte vermutlich nicht einmal den Fuß auf die erste Sprosse der Birkenleiter gesetzt …

Kein Wunder, dass die drei deutschen Jäger gut Strecke machten und in fünf Jagdtagen ein Dutzend Böcke auf die rote Decke legten. Die Gehörngewichte bewegten sich von 750 (abnorm) bis 1250 Gramm. Alle Böcke waren alt bis sehr alt. Freud und Leid des fotografischen Begleiters: Die erstaunlich hohe Wilddicht brachte immer wieder Begegnungen mit Rehwild. Allerdings war ich nur zwei Mal bei einer Erlegung dabei. Das zweite Revier Proswet mit 70000 Hektar lag in der Nähe der Hauptstadt Kurgan, wies aber im Kern um die gerade fertiggestellten Jagdhäuser eine vollkommen andere Struktur auf. Im Jahr 2004 hatte hier ein gewaltiger Waldbrand 25 000 Hektar Wald vernichtet. Mit seinem sandigen Boden und der vorwiegenden Bestockung durch Kiefer, erinnerte diese Region stark an die Lüneburger Heide oder Teile Brandenburgs. Es hatte sich seitdem eine ausgeprägte Nachbrandvegetation entwickelt: Waldweidenröschen und Birkenanflug dominierten das Bild zwischen den verkohlten Stämmen. Dass diese Entwicklung dem Reh- und Elchwild zusagte, belegte nicht nur das Fährtenbild dieser Trughirsche. Weitere Profiteure: Raufußhühner. Einen gewissen Nervenkitzel verursachten Spuren einer Wolfsfamilie, die genau inihren eigenen Tritten zurückgewechselt waren. Mit Blatten gelang es nur selten, einen der sibirischen Riesen aus ihrer und urchdringlichen Deckung zu locken. Und wenn es doch glückte, handelte es sich um junge oder mittelalte Böcke. Aber die Latifundien des Veranstalters reichten weit über dieses große Waldgebiet hinaus. Und so wurden locker mal 70 Kilometer gefahren, um in einer offeneren Landschaft zu waidwerken. Und schon lagen nach drei Tagen drei sehr ansehnliche Böcke – davon zwei über 1000 Gramm.

Meine „Glückssträhne“ setzte sich fort. Die Mitjäger konnten sich schon fast darauf verlassen, dass am ehesten dort etwas passierte, wo ich nicht war. Besonders schmerzhaft dann die Bemerkung der Erleger: „Das wäre eine Szene für dich gewesen. Es war bestes Licht, als der Bock heranzog. Im Sichtschutz eines Heustadels haben wir uns herangearbeitet. Als er kurz vor einem Birkenwäldchen breit verhoffte, hab’ ich abgedrückt.“ Ja, lieber Frank aus Ulm, Recht hast Du, das wär’s gewesen! Jedenfalls bekam ich langsam das Gefühl, Jagen mit dem Gewehr ist wesentlich einfacher als mit der Kamera. Lediglich krankschießen kann man nichts, höchstens sich krank ärgern, wenn’s nicht klappt. Allerdings hat das den Ehrgeiz nur angestachelt. Die Anziehungskraft der Landschaft mit der speziellen Würze in Form der roten Bockgiganten ist noch größer geworden. Ich muss da wieder hin. Und wenn die richtigen Szenen abgelichtet worden sind, kommt auch das Gewehr zum Einsatz. Mindestens eine Rehkrone über 1 000 Gramm soll mich immer an diese imposanten Rehe in den Weiten Sibiriens erinnern.