Mit Vilda durch die Wildnis

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Elchjagd

JAGEN IM NORDEN

Unendliche Weiten, schweres Gelände: Elchjagd mit Hunden ist fordernd und spannend zugleich. Thore Wolf folgte Los- und Leithunden durchs schwedische Fjäll.

Es rüttelt und schüttelt, mit über 150 Sachen donnern wir mit dem Hubschrauber davon. In Sekunden entschwinden die letzten Zeugen der Zivilisation. Keine Straße, kein Haus ist in der Taiga unter uns auszumachen. So weit das Auge reicht unbändige Natur. Wie in einem Traum. Unweigerlich werden Abenteuergeschichten wach, die ich als Kind gelesen hatte. Etwas unsanft setzt der Donnervogel auf, reißt mich aus den Gedanken. „Auf zum nächsten Abenteuer, ich wünsch euch was“, spricht der Pilot über Funk. Im Nu sind wir ausgestiegen und der lärmende Hubschrauber wieder am Horizont verschwunden. Nachdem der letzte Rotorschlag verklungen ist, herrscht Totenstille. Nicht mal ein Vogelzwitschern ist zu hören. Jagdführer Magnus nimmt seine Westsibirische Laika-Hündin „Vilda“ an die Leine. „Die Wilde“ macht ihrem Namen alle Ehre und zieht wie verrückt, wuselt im Zickzack umher. Hier und da bleibt sie stehen, nimmt mal die Nase hoch, sucht dann mit tiefer Nase weiter. Ich bin etwas skeptisch. Wie wollen wir so an Wild kommen? Anscheinend hat Magnus meine fragenden Blicke erkannt. „Wir kombinieren heute zwei Jagdmethoden“, erklärt mir der drahtige Schwede. Seine „Vilda“ ist als Leithund ausgebildet. Bei dieser Jagdart wird der Vierläufer angeleint geführt, um frische Elchfährten zu finden. Ist er sicher auf einer Fährte, bleibt er so lange am Riemen, bis er Direktwittrung vom Elch bekommt. Abgelegt bleibt der Hund dann zurück, und der Jäger pirscht allein weiter.
Eine weitere Methode ist die Loshundjagd. Dabei sucht der Vierläuferfrei, bis er eine frische Elchfährte findet, diese verfolgt und den Hirschartigen letztlich stellt und verbellt, sodass sich der Jäger an den sogenannten Stand heranpirschen kann. Auf diese Weise hatte ich am Vortag mit Pirschführer Henrik und seinem Jämthund „Chivas“ gejagt. Geschnallt suchte der Graue alleine vor uns her. Per GPS-Hundeortung verfolgten wir stetig seine Suche. Magnus will heute beide Arten kombinieren. Inzwischen folgen wir „Vilda“ seit zwei Stunden. Immer wieder stoppt sie für einen kurzen Moment. Ich bin froh für jede Pause, denn das Laufen in der Berglandschaft ist äußerst kräftezehrend. Mit jedem Schritt sinken wir in dem weichen und wassergetränkten Moos- und Flechtenteppich bis zu den Knöcheln ein.

Mit der Zeit wird die Hündin immer sicherer. Wie ein Schweißhund verweist sie mit kurzem Nasenstups frische Elchlosung oder Trittsiegel. Magnus lässt sie kaum aus den Augen. Er liest regelrecht ihr Verhalten. Als sie wenig später etwas unsicher wirkt und einer frischen Rentierfährte zu folgen scheint, greift er vor und gibt er ihr etwas mehr Riemen. „Vermutlich hat sie die Elchfährte verloren. Wart‘ ab, gleich wird sie wieder Wind holen“, flüstert Magnus.

Kaum hat er es gesagt, steigt „Vilda“ auf einen Stein, reckt ihre Nase steil nach oben und sondiert die Lage. In der kommenden Stunde zieht sie nicht mehr eifrig weiter. „Sie muss Pause machen, und wir können sicher auch eine gebrauchen. Machen wir ein Feuer und essen etwas“, beschließt der Hundeführer. Einverstanden. Im Nu haben wir ein paar trockene Ästchen und etwas Birkenrinde zusammengetragen. Kurze Zeit später knistert das Feuer und darauf ein mitgebrachter Topf mit Elchgulasch, Pilzsoße und Kartoffeln.
Unweigerlich muss ich an den Vortag denken. Jämthund „Chivas“ war bereits seit geraumer Zeit nicht mehr aufgetaucht. Das GPS ortete ihn etwa fünf Kilometer entfernt. Also warteten wir und versuchten, ein wärmendes Feuer zu machen. Das nasse Holz stellte uns vor ein Problem. Erst nach einer halben Stunde Zündelei loderte eine halbwegs brauchbare Flamme. Ein kurzer Blick auf Henriks Handy ließ ihn die Augenbrauen hochziehen. „Chivas“ Position veränderte sich nicht mehr. Henrik hörte per Mobilfunk das Senderhalsband ab. Der Grauhund gab Laut. Keine Frage – das Mittagessen fiel aus, wir gingen den Standlaut an. „Das kann uns heute nicht passieren“, sagt Magnus mit einem Lächeln und reicht mir einen Teller mit Elchgulasch rüber. „Vilda“ steht plötzlich auf und starrt ins Tal. Wir trauen unseren Augen nicht: Etwa 700 Meter entfernt zieht ein einzelnes Elchtier durch die Landschaft. „Das darf nicht wahr sein! Magnus, sollen wir …?“ „Bleib ruhig“, entgegnet mir der Schwede, „der Wind passt nicht. Wir kriegen noch gute Gelegenheiten, um an einen starken Schaufler zu kommen.“ Magnus muss es wissen. Schon seit vier Jahren arbeitet der Wildbiologe während der zweimal vierzehntägigen Elchjagdsaison als Jagdführer für das Unternehmen „Fjelljakt“. Die dünn besiedelte Gegend, etwa zwei Autostunden nordwestlich von Östersund, ist bekannt für ihre starken Trophäenelche, die Jagdgäste aus aller Welt anziehen. Ihnen bietet Magnus‘ Chef Johan Persson seit zehn Jahren traditionelle Elchjagden mit Hunden an. Etwa 30 bis 40 Stück werden jährlich in dem rund 15000 Hektar großen Jagdareal an der norwegischen Grenze erlegt.
Nach dem Essen und einem wärmenden Kaffee wird „Vilda“ wieder auf der Elchfährte angesetzt. Sofort nimmt sie die Nase runter und zieht an. Kurz bevor die Hündin auf einen kleinen Wald zusteuert, setzen wir uns nieder. „Das Stück, kann nicht mehr weit sein. Eigentlich wird der Leithund jetzt abgelegt. Aber ich schnalle den Hund lieber, damit er den Elch stellt. Zu oft vertrampelt man sonst als Jäger das Wild“, entscheidet der Pirschführer. Er schaltet das Hundeortungsgerät an, löst seinen Vierläufer. „Vilda“ verschwindet zwischen den Bäumen. Gleich darauf ein kurzer Laut. Mein Herz schlägt schneller. Da ist wieder das Gefühl wie gestern, als der scharfe Standlaut des Jämthundes aus dem Handy drang. In aller Ruhe machen wir uns fertig, nehme ich die Waffe aus dem Rucksack, lade sie. Inzwischen haben „Vilda“ und der Elch mehr als zwei Kilometer zurückgelegt, bis sie beide stehen. „Aufgrund des Windes pirschen wir in einem Bogen und dann am Flussufer entlang“, so der Plan des Hundeführers.

Die Gedanken kreisen. Was hat der Hund gestellt? Alttier mit Kalb oder wirklich einen Schaufler? Ein älteres Alttier hatte ich gestern bereits vor „Chivas“ erlegt. Ein Hirsch wäre heute natürlich die Krönung! War ich bisher froh für jede Marschpause, fällt es mir jetzt schwer, nicht zu schnell zu sein. Zu groß ist die Aufregung. Immer wieder deutet mir Magnus, dass ich langsamer gehen soll. „Wir haben alle Zeit der Welt“, flüstert er mehr als einmal. Sobald der Laut aussetzt, bleiben wir stehen und lauschen. Hoffentlich hält „Vilda“ den Stand. Das Geläut ertönt,  bleibt an einer Stelle. Sie hält! Wir prüfen den Wind, pirschen äußerst langsam weiter. Eine gute Stunde sind wir schon unterwegs, steigen immer wieder über tote Baumstämme, verhören den Lau und schleichen so leise, wie wir nur können. Die riesigen Hirsche vernehmen kleinste Geräusche auch noch auf mehrere Hundert Meter. Magnus hält mich an der Schulter fest.

„Nur noch 70 Meter, geh ein Stück alleine weiter, bis du in Schussentfernung bist!“ Beherzt setze ich mit der Waffe im Voranschlag einen Fuß vor den anderen. Als der Laut erneut ausbleibt, erkenne ich den weißen Hund, der zwischen den Fichten vor dem Elch zurückweicht. Ihm folgt … ein Alttier. Mit ausholenden Tritten wehrt es den scharfen Vierläufer ab. Ein Kalb ist nicht dabei. Sofort hat „Vilda“ wieder gestellt. Ich nutze die Chance, gehe bis etwa 20 Meter ran. Das Blatt ist frei, der Vierläufer in sicherer Distanz. Sofort ist die Merkel an der Wange, der Schuss bricht. Kaum hat die Kugel ihr Ziel gefunden, dreht das Alttier bei, hält in seiner Todesflucht direkt auf mich zu. Für Sekunden spüre ich mein Herz bis unter die Kopfhaut schlagen. Ein zweiter Schuss ist unmöglich, der Hund ist zu dicht am Stück. Rechts versperrt mir der Fluss den Fluchtweg. Ich komme nicht mehr zum Denken. Etwa drei Schritte vor mir fällt das Elchtier mit dumpfem Schlag zur Seite. „Vilda“ ist sofort dran, rupft büschelweise Haare aus ihrer Beute, um ihre ganze Wut auszulassen. Mein ganzer Körper zittert, während wir gemeinsam ans Stück treten. Was für eine Jagd – Spannung und Abenteuer pur!

Völlig ausgelaugt, aber überglücklich versorgen wir das Stück, sitzen danach an unserer Beute. Wir lassen das Erlebte Revue passieren und genießen die einmalige Stille der malerischen Landschaft, bis aus der Ferne das Donnern des angeforderten Helikopters wieder zu hören ist.
Am Vortag war bereits ein nicht führendes Elchtier vor dem Loshund zur Strecke gekommen.