Spezialauftrag Apportieren

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Aus der Retriever-Arbeit:
Die Ansprüche der Jäger, die einstmals zum Entstehen der Apportierhundrassen und ihrer speziellen Arbeitsweisen geführt haben, sind auch heute im Jagdalltag noch aktuell. Norma Zvolsky stellt das „Einweisen“ und „Markieren“ in der Retrieverarbeit vor.

 

Von Norma Zvolsky

Heute werden Hunde immer öfter vielseitig ausgebildet und eingesetzt. Insbesondere den deutschen Vorstehhundrassen verlangt man im Jagdbetrieb, bei entsprechender Anlage und sachkundiger Ausbildung in der Regel Allroundleistungen ab, weshalb man diese Hunderassen inzwischen auch als Vollgebrauchshunde bezeichnet. „Ein“ Hund für „alle“ anfallenden Arbeiten, dies ist momentan sicher der Trend im modernen Jagdbetrieb. Deshalb stellt man sich oftmals die Frage, ob die Zeit der Spezialisten ein für allemal vorbei ist? Soll man an den Arbeitsweisen dieser Hunde noch festhalten? Sind diese Arbeitsweisen eher unmodern geworden oder gebieten es gerade die Ansprüche des modernen Jagdbetriebs, sich an den speziellen Arbeitsweisen der Spezialisten zu orientieren? Alle diese Fragen betreffen auch den Apportierhund des Niederwildjägers, der für die Arbeit nach dem Schuss zielgerichtet ausgebildet wurde und wird.

Der Ursprung der meisten Retriever-Rassen liegt in Großbitannien

Apportierhunde sind Meister im Verlorenbringen und werden, gemäß der direkten englischen Übersetzung als Retriever (englisch: to retrieve = herbeiholen, bringen, wieder auffinden) bezeichnet. Speziell für die Arbeit nach dem Schuss gezüchtet und ausgebildet, haben sie die spezifische Fähigkeit, geschossenes, aber auch krankes Niederwild aufzufinden und zu bringen.

Möchte man diese Arbeitsweisen differenziert betrachten, so muss man wissen, welche jagdlichen Bedürfnisse zum Entstehen dieser Rassen geführt haben. Die meisten Retrieverrassen stammen ursprünglich aus Großbritannien, einem Land, in dem die Niederwildjagd eine jahrhundertealte Tradition hat.

Ruhe und Gelassenheit

Um effizient jagen zu können, setzen die Engländer bei den Jagden auf Fasan und Ente zwei Spezialisten als Helfer ein: Für die Stöberarbeit vor dem Schuss den Spaniel und den Retriever als Apportierprofi. Tagesstrecken von mehreren hundert Stück Federwild sind bei solchen Jagden keine Seltenheit, welche oftmals nur mit sechs bis acht Retrievern eingesammelt werden. Man erwartet von den Apportierhunden, dass sie bei ihrer Arbeit schnell und präzise vorgehen, denn das ganze Jagdgeschehen soll durch das Bergen des Wildes (engl. picking up) nicht aufgehalten werden. Eine weitere Anforderung ist, dass der Apportierhund auf keinen Fall über das zu bejagende Gelände hinausläuft; nicht bejagtes Gebiet soll durch die Arbeit des Hundes unter gar keinen Umständen beunruhigt werden.

Bei einem Standtreiben (engl. drive) muss der Hund neben dem Schützen ruhig sitzen, während er bei der Streifjagd (engl. walk up) am Bein seines Führers frei folgt. Der Hund soll sich dabei ruhig und gelassen verhalten und darf seinen Führer nicht stören oder zur Last fallen. Ein Hund, der während des Wartens oder am Bein seines Führers winselt, heult oder bellt, der ohne Befehl des Hundeführers seinen Platz verlässt, um zu apportieren oder um Wild zu hetzen, oder der so unruhig ist, dass er zuviel Aufmerksamkeit von seinem Führer benötigt, ist deshalb im höchsten Maße unerwünscht und besitzt nicht die nötige Standruhe (engl. steadiness).

Entfernungen einschätzen können

Bei der Erziehung eines Apportierhundes achtet man deshalb schon in frühster Jugend darauf, dass er lernt, seinen Jagd-, Beute- und Stöbertrieb zu zügeln. Er lernt auch, bei sehr großen Verleitungen wie flüchtendes gesundes Wild, ruhig und gelassen zu warten. Er muss lernen, dass nicht jedes geschossene Stück für ihn bestimmt ist. Stürmt ein Hund ohne Befehl los, um zu apportieren, dann belohnt er sich zu allem Überfluss für seinen Ungehorsam selbst. Was gibt es für eine bessere Belohnung als den Erfolg. Man darf aber nicht glauben, dass der Hund mit einer guten Gehorsamsausbildung übertrieben abhängig und somit völlig unselbstständig wird. Einem guten Jagdhund kann man seine Jagdpassion sicherlich niemals aberziehen, jedoch in geregelte Bahnen lenken.

Was bedeutet nun „Markieren“? Ein gutausgebildeter Retriever soll das Jagdgeschehen aufmerksam verfolgen, wenn er während des Treibens neben seinem Führer ruhig wartet. Er soll selbstständig die Flugbahn der geschossenen Stücke beobachten und sich die Fallstelle merken (markieren). Ein Apportierhund muss die Fähigkeit haben, die Entfernung zur Fallstelle einzuschätzen, auch wenn er die Flugbahn des Vogels nicht vollständig, sondern nur teilweise beobachten kann. Oftmals liegt auch die Fallstelle des Stückes verdeckt im Bewuchs, hinter Büschen oder Bäumen, so dass der Hund sie nicht sehen kann. Auch dann wird von einem guten Apportierhund erwartet, dass er Richtung und Entfernung zu der Fallstelle des Stückes einschätzen kann.

Ein guter Apportierhund muss sich mehrere Fallstellen merken können

Bei der Streifjagd wird der Retriever geschickt, sowie ein Stück gefallen und die Linie der Schützen stehen geblieben ist. Er kann dann ohne große Zeitverzögerung arbeiten. Beim Standtreiben hingegen lässt man, um den Ablauf des Treibens nicht zu stören, den Hund erst nach Beendigung des Treibens apportieren. Während des Treibens wird der Hund einzig auf verletztes, flüchtendes Wild (engl. runner) geschickt; dies aus jagdethischen Gründen. Ein guter Apportierhund muss deshalb fähig sein, sich mehrere Fallstellen geschossener Stücke (Markierungen) gleichzeitig, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, zu merken. Er soll diese nach Beendigung des Standtreibens dann zielsicher anlaufen, nacheinander ausarbeiten und die geschossenen Stücke bringen. Ein gutausgebildeter Apportierhund ist in der Lage, gefallene, aber noch lebende Stücke vor verendeten auf direktem Weg anzulaufen und zu bringen.

Beim Markieren sind nicht nur die Fähigkeiten der Augen gefragt. Im Fallbereich liegt das Stück meist für den Hund nicht sichtbar in höherem Bewuchs, so dass er wie jeder andere Jagdgebrauchshund lernen muss, seine Nase einzusetzen. Er soll selbstständig in einem engen Bereich um die Fallstelle suchen, ohne aber in eine weiträumige Suche überzugehen. Ist das Stück verletzt und flüchtet, muss der Hund eigenständig das Geläuf oder die Spur des Stückes aufnehmen und diese ausarbeiten. Bei Erreichen des verletzten Wildes wird vom Hund erwartet, ohne Zögern und weiteren Befehl zu greifen und zu apportieren.

Begonnen wird auf einfachem Gelände

Mit gut strukturiertem Training kann man die Markierfähigkeit des Hundes sehr gut aufbauen und fördern. Systematische Ausbildung bringt dem Vierläufer bei, die Entfernung, den Wind und das Gelände richtig einzuschätzen. Zuerst beginnt man auf einfachem Gelände bis er fähig ist, dort exakt zu markieren. In dieser Anfangsphase kann man den Dummy, oder sonstige Apportel, noch selber werfen. Darauf aufbauend führt man den Hund gezielt an die unterschiedlichsten Gelände und Bewuchsarten heran und dehnt Entfernungen immer weiter aus. Der Helfer, ein sogenannter Werfer, platziert nun den Dummy, indem er ihn im hohen Bogen für den Hund sichtbar wirft. In der Anfangsphase kann der Werfer bis zum Aufschlag des Dummys auf den Boden ein Geräusch machen, damit der lernende Hund eine weitere Orientierungshilfe hat. Der Schwierigkeitsgrad der Übungen sollte sich solange ausdehnen, bis man der jagdlichen Praxis von fallendem Flugwild nahe gekommen ist.

Hatte der Hund Pech, konnte er während des Treibens nicht Markieren, oder er kann sich an die Fallstelle des Stückes nicht mehr genau erinnern und läuft diese deshalb nicht direkt an. Was nun? In der Regel hat der Hundeführer jetzt schlechte Karten und muss den Hund frei suchen lassen – nicht jedoch einen gut ausgebildeten Apportierhund. Kennt der Führer den Bereich, in dem sich das geschossene Stück befindet, kann er seinen Hund einweisen.

Der zukünftige Hund sollte aus jagdlichen Linien gezüchtet worden sein

Das „Einweisen“ ist die Königsdisziplin der Retriever. Wird ein Hund eingewiesen, lenkt der Hundeführer ihn mit Hilfe von Stimme, Pfeife und Handzeichen möglichst auf direktem Weg in das Fallgebiet des Stückes. Anders als bei der freien Verlorensuche soll der Hund hierbei nicht in den Wind revieren und so größere Geländeflächen abdecken. Der Hund soll gerade Linien und rechte Winkel laufen, damit der Hundeführer ihn auf direktem Weg schicken und dirigieren kann. Der Hund ist bei dieser Arbeit über weite Strecken vom Führer abhängig und sollte gehorsam und exakt auf die Hilfen und Richtungsangaben des Führers reagieren. Zwischen den Richtungswechseln lässt man den Hund jedesmal stoppen, wodurch ihm klar wird, das ein neues Kommando erteilt wird, und man erhöhte Aufmerksamkeit erreicht.

In dem Moment, in dem er im Zielgebiet angekommen ist, soll er auf Befehl in einem sehr engen Bereich mit einer selbstständigen Suche beginnen. Deshalb darf er auch beim Einweisen seine Selbstständigkeit nicht verlieren. Im Zielbereich angekommen erwartet man von ihm Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Finderwillen. Sinn und Zweck dieser Arbeitsweise ist es, möglichst schnell in den Besitz des Stückes zu kommen und dabei die Kräfte des Hundes zu schonen und so wenig Gelände wie nötig zu beunruhigen.

Beim Einweisen kommt es in einem sehr hohen Maße auf eine absolut saubere Grundausbildung an. Bevor Sie mit einem gezielten Training beginnen, sollten dem Hund die Grundlagen eines sicheren Gehorsams bereits vermittelt worden sein. Bei den Übungen muss man den Aufgabenbereich in mehrere kleine Teile untergliedern. Jede Teilaufgabe ist wie ein Puzzelstein zum Gesamtbild „Einweisen“. Alle Puzzelsteine müssen separat gelernt und geübt werden. Nur wenn das Voranschicken, Rechts- und Linksschicken, Zurückschicken, Zurückkommen und Stoppen vom Hund völlig beherrscht werden, passt auch alles ins Gesamtbild. Die Kommandos und Sichtzeichen, mit denen wir uns mit dem Hund verständigen wollen, müssen durch kontinuierliches Training erst erlernt werden. Nur wenn der Hund diese Kommunikationsmittel verstanden hat, ist das Einweisen auch über weite Entfernungen möglich. Eine gute Einweisbarkeit des Hundes setzt großes Vertrauen des Hundes zu seinem Führer voraus und auch die Bereitschaft des Hundes, mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Die dargestellten Ausbildungsfächer sind zwar aus der Retrieverarbeit und deren spezielle Ansprüche an Apportierhunde entwickelt worden, können aber unter den genannten Voraussetzungen, wie Standruhe und gute Führerbindung, auch auf fast jeden anderen Jagdgebrauchshund übertragen werden.

Entscheidet man sich für einen Apportierspezialisten als Jagdhund, sollte bedacht werden, ob auch genügend Arbeit für ihn im Laufe des Jagdjahres vorhanden ist. Achten Sie bei der Welpensuche unbedingt darauf, dass ihr zukünftiger Hund aus jagdlichen Linien gezüchet wurde. Diese „Arbeitslinien“ werden oftmals auch als Field Trial Retriever bezeichnet. Sie unterscheiden sich im Erscheinungsbild von den Retrievern aus Schönheitslinien, welche man in unseren Städten sehr häufig als Familienhunde antrifft. Die Jagdgebrauchshunde unter den Retrievern sind in der Regel nicht nur deutlich schlanker und hochläufiger, sondern im allgemeinen auch höher in der Trieblage und deshalb temperamentvoller als ihre „schönen“ Brüder.

Kontakt

Wenden Sie sich bei der Welpensuche an die Welpenvermittlungsstellen des Deutschen Retriever Clubs (DRC, www.deutscher-retriever-club.de, Tel. 0 56 65/ 27 74), dieser vertritt alle Retriever-Rassen, oder des Labrador Clubs Deutschland (LCD, www.labrador.de, Tel. 0 21 31/ 56 91 00). Beide Zuchtvereine sind Mitglied im Jagdgebrauchshundverband (JGHV) und dem Verband für das deutsche Hundewesen (VDH).

Retriever sind nicht nur liebenswerte Familienhunde. Apportierfreude macht sie zu passionierten Jagdhelfern