NATURSCHUTZ UND JAGD

Wie wild ist unsere Wildkatze eigentlich? Bedrohen Hauskatzen diese Wildart? Fragen, die sich nur wenige zu stellen trauen. Prof. Dr.Dr. Sven Herzog und Dr. Thomas Gehle geben Antworten.

Die Wildkatze ist in Naturschutzkreisen ein Thema, an dem derzeit wohl niemand vorbeikommt. Das hat verschiedene Ursachen, nicht zuletzt – wie kann es in unserer Gesellschaft anders sein – Geld. Millionenbeträge werden bereitgestellt, mit denen Verbände und andere Institutionen, die sich dieses Themas angenommen haben, aus öffentlichen Mitteln gefördert werden. Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden. Im Gegenteil, es ist erfreulich, solange diese Mittel fachlich sinnvoll verwendet werden. Aber trifft es zu, dass beispielsweise Querungshilfen für die Wildkatze wirklich zusätzlich zu denen für andere Arten, wie etwa Rotwild, benötigt werden? Sind die aufwendigen Bemühungen, Wildkatzen in den verschiedensten Regionen zu ihrem Schutz nachzuweisen, sinnvoll, oder sind sie nicht nur eine Beschäftigungstherapie für Hobby-Naturschützer? Kurz: Ob der Hype, der derzeit um diese Art entstanden ist, wirklich gerechtfertigt ist, wird die Zukunft zeigen. In diesem Zusammenhang drängt sich allerdings eine ganz andere Frage auf: Wer oder was ist eigentlich unsere Wildkatze? Woher kommt sie, wohin entwickelt sie sich und vor allem: Wie wild ist sie wirklich? 1777 beschreibt Johann Christian Daniel Schreber als Erster die Wildkatze. Die von ihm genannten Merkmale gelten im Wesentlichen bis heute. Carl Emil Diezel, der Niederwildfachmann jener Zeit, beantwortet die Frage 1849 für die Jagdpraxis so: „Bekanntlich gibt es viele verwilderte Hauskatzen oder Bastarde von wirklich wilden und zahmen, […] und diese Bastarde haben mit ihren wilden Verwandten eine so auffallende Ähnlichkeit in der Färbung, dass oft selbst […] Kenner im Zweifel sind, ob sie diese auf Wildkatze oder nur auf verwilderte ansprechen sollen.“

Das bestätigen mehr als eineinhalb Jahrhunderte später die Säugetierkundlerin Clara Stefen (Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Dresden) und der Thüringer Zoologe Martin Görner (Jena). Sie sichteten über 900 Literaturhinweise zur Wildkatze und geben einen detaillierten Einblick in die Historie des verlässlichsten Unterschieds zwischen Haus- und Wildkatze, der Darmlänge. Messungen von Wildkatzendärmen ergaben eine Länge von 110 und 170 Zentimetern (cm), Hauskatzendärme sollen mit 155 bis 220 cm deutlich länger sein. Doch Stefen und Görner mussten feststellen, dass es bis heute weder eine vergleichende Studie über die Darmlänge von reinen Stubentigern und verwilderten Hauskatzen, noch einen solchen Vergleich zwischen Wildkatzen aus Tiergehegen und der freien Wildbahn gibt. Denn nicht allein die Vererbung, sondern auch die Ernährung entscheidet über die Darmlänge. Und wie lang sind Därme von Kreuzungstieren? Wie erkennt man überhaupt Hybriden? Eines steht fest: Die Hauskatze kommt in Deutschland flächendeckend vor, und die Wildkatze war nie ausgestorben. Sie hat wohl nicht nur in der Eifel und im Hunsrück, im Thüringer Wald, im Kyffhäusergebiet und im Harz überlebt, sondern es gibt mittlerweile auch Funde aus dem Arnsberger Wald, aus Sachsen und Brandenburg, vom Stadtrand Hannovers und vom Oberrhein. Möglicherweise stimmt also doch, was erfahrene Naturschützer und Jäger schon lange vermuten: Die Art ist noch viel häufiger, als wir glauben. Von daher sollten wir uns ernsthaft fragen, ob der beste Schutz nicht einfach darin besteht, die Art schlichtweg in Ruhe zu lassen. Doch das lässt sich wohl nicht mit dem Zeitgeist vereinbaren, alles zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen. Nur: Geht es dabei wirklich um eine seltene Art oder doch eher um das Ego einzelner Naturschutzfunktionäre?

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: In welcher Beziehung steht die Wildkatze eigentlich zur Hauskatze? Da sich Wild- und Hauskatze vielfach nicht nur rein äußerlich extrem ähnlich sehen können – denn viele Hauskatzen sind und bleiben wildfarben –, sondern beide Varianten sogar noch derselben Art angehören, wird in der Biologie neben dem Bekannten, wie Schädelmaßen oder Darmlänge, nach weiteren Merkmalen gesucht, die jeweils entweder nur Wild- oder Hausform haben. Große Hoffnungen setzte man bis vor Kurzem in die Molekularbiologie. Würden nämlich Wildkatzen Gene tragen, die Hauskatzen fehlten oder umgekehrt, könnten wir sogar bestimmte Hybriden eindeutig von ihren Ausgangsformen unterscheiden, unabhängig von Darmlänge oder Fellzeichnung. Leider hat man jedoch bis heute keine genetischen Varianten entdeckt, die absolut sicher nur in einer Katzengruppe vorkommen. Im Gegenteil, die meisten Arbeiten, die Wild- und Hauskatzen mit molekularen Methoden vergleichen, bestätigen die große genetische Ähnlichkeit. Das verwundert auch nicht, wenn man sich deren Verbreitungsgeschichte vor Augen führt. Dennoch kann man sich unter solchen Umständen helfen. Denn einige für die Hauskatze bereits bekannte Varianten sind im Vergleich zu den entsprechenden Wildkatzenvarianten seltener beziehungsweise häufiger. Diese Unterschiede werden genutzt. Mithilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung kann mit den Daten eine Zuordnung von Einzeltieren zur Haus- oder Wildkatze vorgenommen werden.
Die Sache hat eben nur einen Haken: Sie ist nicht eindeutig. Damit kann die Molekularbiologie leider noch nicht mehr als die Morphologie (Lehre von Form der Organismen). Das Auftreten und die Häufigkeit einer genetischen Variante (sogenanter Genotyp) ist allein betrachtet ebenso viel oder wenig wert wie ein 165 cm langer Darm oder eine dicke, buschige Rute (sogenannter Phänotyp). Hinzu kommt, dass die Ausgangsdaten auf Proben basieren müssen, die zuvor eindeutig als Haus- oder Wildkatze bestimmt wurden. Denn mit diesen Ausgangsdaten müssen die Vergleichsdaten geschätzt werden, sonst kann auch die Mathematik keine Zuordnung treffen. Wie soll auch entschieden werden, ob eine Katze, die wie eine wilde aussieht, aber genetische Varianten der Hauskatze trägt, tatsächlich eine wilde ist oder eine wildfarbene Hauskatze? Was bedeutet diese Erkenntnis für die Naturschutz- und die Jagdpraxis? Der bekannte Zoologe und leidenschaftliche Artenschützer Rüdiger Schröpfer, Universität Osnabrück, selbst kein Jäger, stellte jüngst auf einer Naturschutztagung in Jena die Frage zur Diskussion, ob man nicht konsequent alle nicht wildfarbenen Hauskatzen erlegen sollte. Dies sei vielleicht der beste Schutz für die Wildkatze. Denn es sei durchaus möglich, dass sich das thüringische Vorkommen, lange Zeit das bedeutendste Deutschlands, nur deswegen erhalten konnte, weil die Thüringer Jäger zu DDR-Zeiten die wildern den Hauskatzen ordentlich bejagt hätten und dies auch weiterhin täten. Demgegenüber wäre beim geringsten Zweifel jede wildfarbene Katze zu schonen.
Um es klar zu sagen: Dies sind rein akademische Überlegungen. Nach der derzeitigen Rechtslage ist eine solche Vorgehensweise nicht zulässig. Die Entnahmemöglichkeit einer Hauskatze in freier Wildbahn hebt auf das „Wildern“ derselben ab, keinesfalls aber auf naturschutzfachliche Gründe. Wäre aber eine solche Empfehlung aus fachlicher Sicht lang fristig wirklich sinnvoll? Wenn wir davon ausgehen, dass es durchaus Unterschiede zwischen Wild- und Hauskatzen gibt, dass es aber regelmäßig zu Kreuzungen zwischen beiden Formen kommt und dass die Hybriden sich ökologisch nicht nachweislich grundlegend anders verhalten als die Wildformen, scheint es aus ökologischer Sicht kein Problem zu sein, wenn es zu Problemen mit der Anpassung an „natürliche“ Umweltbedingungen kommt, und ob es überhaupt eine solche Obergrenze gibt, ist eine bislang völlig offene Frage. Gehen wir gedanklich noch einen Schritt weiter, müssen wir uns ebenso fragen, ob nicht die „verwilderte Hauskatze“ an unsere Kulturlandschaft sogar besser angepasst ist als die einheimische Wildkatze, die eine lange Phase ihrer Evolution in ganz anderen Lebensräumen erlebt hat. In jedem Fall und ungeachtet einer Hybridisierung entsteht durch verwilderte Hauskatzen eine harte Nahrungskonkurrenz für die Wildkatzen.
Aus welcher Perspektive wir es auch betrachten: Aus ökologischer Sicht wäre die Wildkatze eine wildfarbene Katze, welche das ganze Jahr über in typischen Wildkatzenhabitaten lebt und sich wie eine Wildkatze verhält. Mancher Naturschützer würde das vermutlich als die reine Ketzerei ansehen, und mancher Jäger wäre mit dieser Sichtweise ebenfalls nicht glücklich, wäre er damit doch beim Vollzug des Jagdschutzes deutlich eingeschränkt. Und doch hat dieser Gedanke Charme, da wir hierbei die Ökologie in den Vordergrund stellen und Denk-Kategorien, wie die biologisch völlig unsinnigen Vorstellungen irgendwelcher Vorteile von „Reinerbigkeit“ oder ein vordergründiges Schaden-Nutzen-Denken, schlichtweg vergessen können. So bleibt noch die Frage der Erlegung nicht-wildfarbener
Hauskatzen. Diese könnte aus Sicht eines bewahrenden Naturschutzes durchaus sinnvoll sein, da wir hierdurch die weitere Introgression, also das langsame Einsickern von Hauskatzen in die wilde Teilpopulation verlangsamen, ohne Gefahr zu laufen, versehentlich Wildkatzen oder Wildkatzen-Hybriden aus der Population zu entnehmen. In Deutschland schätzt man die Anzahl verwilderter Hauskatzen auf etwa zwei Millionen. Doch dürfte es der Bevölkerung schwer vermittelbar sein, wenn etwa Naturschutz- und Jagdverbände gleichermaßen zum Schutz der Wildkatze für eine konsequentere Entnahme verwilderter Hauskatzen als bisher eintreten würden. Die Hauskatze ist nämlich nicht nur das weltweit häufigste Heimtier, sondern wohl auch das beliebteste.
Und so bleibt als Fazit und Empfehlung für die Jagd nur folgende Feststellung übrig, die auch von vielen nicht jagenden Naturschützern mitgetragen werden kann: Alles, was aussieht wie eine Wildkatze und sich auch so verhält, ist auch eine! Sie unterliegt der Hegepflicht und damit der besonderen Fürsorge von Grundeigentümern und Jägern. Damit dürfte vermutlich mehr zum Schutz dieser faszinierenden Tierart beigetragen werden als durch teure Imagekampagnen.
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