Büchsenschiessen – Die Geschlechterfrage

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Büchsenschiessen

BÜCHSENSCHIESSEN
Schießen Frauen anders als Männer? Worin unterscheiden sich die
Geschlechter beim Büchsenschuss? Claudia Elbing und Michael Schmid fanden dies bei einem speziellen
Damen-Basisseminar von
WuH-Schießexperte
Andreas Bach heraus.

„Gott sei Dank hat der Schießstand ein Dach“, ruft Anna. Mit ihrem Gewehrkoffer sprintet sie durch den strömenden Regen. Der Himmel hat heftige Schauer im Programm. Abschrecken ließ sich von den Teilnehmerinnen jedoch keine. Von der Jungjägerin bis zur routinierten Revierpächterin, alle wollen sich mit der eigenen Schießleistung auseinandersetzen und besser werden. Der Schulungsraum ist warm, die Testwaffen ein Blickfang – Theorie kennt eben kein schlechtes Wetter. „Bunt gemischt, diese Teilnehmerstruktur ist für ein Seminar perfekt“, weiß Andreas Bach. Auf dem Lehrplan steht Wissenserweiterung und Optimierung der Schießfertigkeit. „Eine kleine Verbesserung bei der Ausrüstung oder beim Anschlag kann die Trefferleistung um ein Vielfaches steigern“, so der WILD UND HUND-Experte.

Aller Anfang ist das Einschießen. „Hier hakt es oft“, so Bach, „da wagen sich viele nur ungern dran.“ „Wieso sollte man das selbst können?“, fragt Yvonne. Die Antwort folgt promt: „Jeder hat seinen individuellen Knick in der Optik und seinepersönlichen Eigenheiten beim Schießen. Mehr oder weniger große Abweichungen sind die Folge.“ Hier also nur auf den Büchsenmacher oder Schießprofi zu vertrauen, genügt nicht. Das Einschießen ermittelt das technische Zusammenspiel von Waffe, Munition und Optik und justiert diese im Anschluss auf eine bestimmte Treffpunktlage. Menschliche, präzisionsmindernde Faktoren gilt es zu minimieren. Bereits ein kleiner Mucker verfälscht das Ergebnis. Für die ruhige Hand sorgt regelmäßiges Trainieren.

Zuerst stehen Grob- und Feinjustage auf dem Programm. Klar definiert Andreas Bach die Todsünde des Einschießens: „Wer bereits nach dem ersten Schuss klickt, macht einen entscheidenden Fehler. Drei bis fünf Schüsse sind mindestens nötig um die mittlere Treffpunktlage zu ermitteln.“ Als Beispiel erscheint eine Schussscheibe auf der Leinwand. „Moment, ganz langsam“, bremst Angelika. „Zeig uns das Berechnungsprinzip der Treffpunktlage nochmal auf einem Stück Papier.“

„Ganz wichtig“, fährt der Schießexperte fort, „sind Temperaturschwankungen. Eine im Winter eingeschossene Büchse muss bei sommerlichen Temperaturen nicht die gleiche Treffpunktlage aufweisen. Wer einmal im Quartal kontrolliert, ist auf der sicheren Seite.“ Und: „Jagdwaffen unbedingt auf die Günstigste Einschussentfernung (GEE, 4 cm Hochschuss auf 100 m) einschießen. Je nach Kaliber kann dann in aller Regel bis 200 m ohne Haltepunktverlagerung geschossen werden.“ Endlich kommen die mitgebrachten Testwaffen zum Zug. Anhand der vielfältigen Auswahl an modernen Büchsen handelt Andreas Bach die Themen Lauf, Systembettung, Abzug, Zieloptik und Ballistik ab. Der Abzug ist ein wesentlicher Knackpunkt für den präzisen Schuss, so der Profi. Match- oder Flintenmodelle mit einem Auslösegewicht von 900 bis 1 300 Gramm sind ideal.

„Damenwaffe – gibt es so etwas?“, fragt der WILD UND HUND-Experte in die Runde. „Braucht es das überhaupt?“ Der Blick in den Waffenkoffer und der Querschnitt bei Hegering-Damenschießterminen gibt häufig zwiespältige Antworten. Die abgelegte „Alte“ vom Vater, Mann oder Freund, preiswerte Schnäppchen, gut gemeinte Empfehlungen und kleinkalibrige, nicht hochwildtaugliche Repetierer. Vergleichende Blicke wandern über den Tisch zu den Seminargewehren. Trockene „Anatomie-Zahlen“ auf der Leinwand helfen weiter: Eine Frau hat, je nach Muskelgruppe und Trainingszustand, 20 bis 45 Prozent weniger Kraft als ein Mann. Durchschnittlich ist das Körpergewicht um 25 bis 30 Prozent geringer, die Gliedmaßen sind zehn Prozent kürzer und die Schultern deutlich schmaler. „Zumindest die Schäftung muss deshalb speziell auf die Jägerin zugeschnitten sein“, so Andreas Bach. „Nur dann ist sicheres Handling und gute Erreichbarkeit der Bedienelemente, wie Sicherungsflügel, Spannschieber oder Abzug garantiert.“ In Sachen Gewicht ist Vorsicht geboten, ein gesundes Mittelmaß ist die beste Lösung. Vor allem der freihändige Anschlag (Pirsch, Drückjagd) erfordert statische Haltearbeit und entsprechend Kraft. „Einen hohen Einfluss hat auch der Rückstoß“, betont der Profi. „Die Kräfte können nicht muskulär abgefangen werden. Zierliche Personen erfahrenaufgrund ihres geringeren Körpergewichts eine stärkere Beschleunigung.“ Die gern ausgesprochene Empfehlung „Kurzer Kolben und wenig Gewicht = Damenwaffe“ greift deshalb sprichwörtlich zu kurz.

Die Wahl der Waffe entscheidet neben Geschmack und Geldbeutel vor allem das Grundwissen um Ballistik und Physik. Das gilt generell und ist kein typisches  „Jägerinnenproblem“. „Auch Männer laufen mit nicht angepassten Gewehren durch den Wald“, ergänzt Elke die Ausführungen. Andreas Bach fasst die Gesetzmäßigkeiten in Schlagworten zusammen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf konfiguriert man sich problemlos das passende Gewehr. Der Experte bringt es prägnant auf den Punkt: Nicht das Geschlecht, sondern die jagdliche Einsatzsituation bestimmt die Wahl der Waffe. Die Frauen oft empfohlene Kipplaufbüchse ist bei allen Jagdarten, die einen zweiten schnellen Schuss erfordern, fehl am Platz.

Der rote Punkt zielt auf die Neun der alten Ehrenscheibe an der Wand. „Der patronenförmige Laserpointer ist ein probates Mittel für trockene Zielübungen mit der Büchse“, so Andreas Bach. Weitere Tipps zu Zielvorgang und Anschlag leiten zum praktischen Seminarteil über.
Pünktlich und einladend blitzten die ersten Sonnenstrahlen auf die nass glänzende Schießbahn. Zu den Waffen greifen war eines. „Kataloglesen ist nicht so unseres“, sagt Angelika. „Aber praktisch ausprobieren“, freut sich Anna. Egal, ob Blaser „R8 Professional“, Sauer „202“, Merkel „RX.Helix Explorer“, Remington „700“, Mauser „M03 Target“ oder die Savage-Ladyversion – es wird beherzt zugelangt. Die praktischen Übungen beginnen mit dem Einschießen. „Hat man den Dreh mit den Klicks raus, ist diese Prozedur mehr Spaß und Training als Stress. Schießroutine und eine ruhige Hand gehören jedoch dazu. Und ebenso die korrekte Sitzposition“, erläutertBach und gibt den Teilnehmerinnen kleine Korrekturanweisungen. Die Kammer wird aus der Remington entfernt, und Angelika nimmt, zentrisch durch den Lauf blickend, fast schon routiniert die Grobjustage vor. Die 1/4 MOA Klicks des Leupold sind eine mathematische Klippe. Hier hilft nur rechnen. Innerlich bekommt die metrische Verstellung der europäischen Zielfernrohre bereits Pluspunkte. Beim sitzend aufgelegten Schießen kristallisieren sich persönliche Favoriten heraus. Das Zweibein der Mauser„M03 Target“ begeistert. „Kennt man das Hilfsmittel, möchte man es nicht mehr missen“, lautet ein Kommentar. Anna überzeugt der kurze Repetiervorgang der Merkel „RX.Helix“, Elke bevorzugt den Lochschaft der „R8 Professional Success“. Yvonne hat sich die Optimierung der Schießleistung mit ihrer eigenen Waffe zum Ziel gesetzt.
„Liegt das an mir oder am Gewehr? Die Schussgruppe muss doch noch besser gehen?“ Der WILD UND HUND-Experte erarbeitet die Antwort mit einer kurzen Videosequenz. In Zeitlupe wird auch das kleinste Mucken, Ruckeln und Augenkneifen sichtbar. Nach der Fehleranalyse erfolgen Korrektur und Training im „Ball and Dummy“-Verfahren. Hülse oder
scharfe Patrone? Die Schützin weiß nicht, was Andreas Bach in den Repetierer lädt. Zug um Zug reduziert sich so die Angst vor dem Rückstoß.

„Ihr steht frontal zum Ziel hinter der Stange. Ist die flache Hand des ausgestreckten Unterstützungsarms ungefähr zehn Zentimeter davon entfernt, stimmt der Abstand.“ Der Anschlag „stehend angestrichen“ birgt viele Feinheiten und Fehlerquellen. Alle lassen ihre Haltung überprüfen. „Den Anschlag habe ich gar nicht gelernt“, sagt die Jungjägerin, „das war bei meiner Schießprüfung nicht gefordert. Ist für die Pirsch wirklich nicht schlecht.“ „Die Waffe ist zwischen Zeigefinger und Daumen gebettet und wird keinesfalls gegen das Holz gedrückt“, erklärt der Schießlehrer. Eine korrekte Haltung bringt schnell Erfolg, wie der Blick auf die Zehner der Trefferanzeige beweist.
Beim laufenden Keiler erklärt Andreas Bach den modernen Jagdanschlag. „Die Waffe ruht in einem abgesenkten Winkel von 25 bis 30 Grad direkt an der Schulter. Schieß- und Unterstützungshand sind bereits in Schusshaltung. Das Auge peilt frei über den Zielfernrohrkörper in Richtung des zu erwartenden Ziels. Kommt der Keiler, wird die Büchse über das Schulterscharnier in Schussposition gebracht. So braucht ihr nur ein Minimum an Kraft und Bewegung, um in den Anschlag zu wechseln. Das Auge bleibt automatisch auf dem Ziel, und Verwackeln wird reduziert.“ Im fliegenden Wechsel erfolgt das Trockentraining. „Ich mache das seit vielen Jahren im klassischen Jagdanschlag, das hier ist sehr ungewohnt“, stellt Angelika fest. „Ausprobieren, lernen und offen für Neues sein“, erwidert Andreas Bach. „Wer den klassischen Jagdanschlag im Schlaf beherrscht, muss ja nicht zwangsläufig umsatteln.“ Jede Menge Treffer hat die Keiler-Scheibe in der nächsten halben Stunde zu verdauen. Nachdem alle ihr Pulver verschossen haben, folgt die Abschlussbesprechung. „Wir haben sehr viel gelernt“, so das einhellige Fazit aller Teilnehmerinnen. Besonders gelobt wurden die professionelle Wissensvermittlung und die angenehme, von Offenheit geprägte Atmosphäre. „So macht Schießen Spaß.“

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