Vom Jagdhund zum Statussymbol

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Mode-erscheinung mit Folgen:
Persönliche Eitelkeiten können in kürzester Zeit aus einem wesensfesten Jagdgebrauchshund ein recht verhätscheltes, aber trauriges Geschöpf machen. Und wenn aus dem süßen Welpen erst ein großer, arbeitsloser Jagdhund geworden ist, dann ist auch der Besitzer oft nicht mehr glücklich, dafür aber vielleicht das Tierheim um einen Insassen reicher.

 

Mein Beruf zwang mich wieder einmal für mehrere Tage in eine deutsche Großstadt. Mein Teckel durfte mich begleiten – er ist ja Kummer gewohnt und wird später durch ein ausgiebiges Jagdwochenende belohnt.
Gegen Abend führte ich ihn dann immer im Stadtpark aus. Da kam mir dann eines Abends eine elegant gekleidete Dame entgegen, die völlig aufgelöst nach Ihrem „Engelchen“ rief. Ob ich denn einen großen, silbernen Hund gesehen hätte, wurde ich gefragt. Ich verneinte – beobachtete die Szenerie aber einige Zeit, denn ein großer, silberner Hund interessierte mich doch sehr.

Bestrafung in Form eines Wortschwalls

Nach etwa zehn Minuten fand sich „Engelchen“ rutewedelnd, hechelnd und mit wehenden Behängen wieder bei seinem Frauchen ein. Ich hatte irgendwie den Eindruck, als wenn der Ausreißer einen recht entspannten Gesichtsausdruck hatte. Er ließ sich willig an seinem ebenfalls eleganten, und sicherlich fürchterlich teuren Halsband anleinen. Das war also der große, silberne Hund: Ein Bild von einem Kurzhaar Weimaraner. Die Bestrafung folgte in Form eines Wortschwalls: „Aber Engelchen, tut denn ein guter Hund so etwas? Tausend Mal hab’ ich dir schon gesagt, du darfst die Kaninchen nicht…!“ Der Rüde ließ diese Maßregelung klaglos über sich ergehen. Und obendrein gab es dann für den Ausreißer noch ein Leckerli aus dem Designertäschchen. Ich dachte: „Der bedauernswerte Jagdhund“, sagte aber nichts, da die Dame sicher nicht verstanden hätte, wie ich das meinte.

Der Jagdhund scheint „in Mode“ zu kommen

Ich bin mir darüber im Klaren, dass es sich hierbei um keinen Einzelfall handelte. Wenn man Jägerin ist und selbst einen Jagdhund führt, achtet man wohl besonders auf andere Jagdhunde, die einem begegnen. Und mir fällt auf, dass man neuerdings immer häufiger Kleine Münsterländer, Drahthaar, Kurzhaar, Pointer, Teckel und andere Vierläufer, deren Bestimmung eigentlich die Jagd ist, im Großstadtgetümmel oder an Orten trifft, an denen sie deplaziert wirken. Cocker, Teckel, Fox- und Jack-Russell-Terrier gehören ja schon seit längerer Zeit zu den Begleitern der Nichtjäger – egal ob sie jagdlicher Leitungszucht entspringen oder nicht. Aber andere Jagdhunde scheinen mehr „in Mode“ zu kommen.

Was führt eigentlich Nichtjäger dazu, sich ausgerechnet einen Jagdgebrauchshund zu halten? Wie im geschilderten Fall noch dazu von einer Rasse, die bis vor zwei Jahren noch einen sogenannten Mannschärfetest bestehen musste, um die offizielle Zuchtzulassung zu bekommen.

Ganz maßgebliche Auswahlkriterien werden meiner Ansicht nach durch die Werbung in den Printmedien und im Fernsehen beeinflusst. Da wirbt ein Jagdhund beispielsweise für weiches Toilettenpapier und schon glaubt der fernsehbegeisterte Konsument: So einen Hund muss ich auch haben! An zweiter Stelle steht wohl der mittlerweile schon fast krankhafte Hang zum Individuellen in unserer Gesellschaft. Nach dem Motto: „Anders sein auf Teufel komm raus – auch wenn es noch so blödsinnig ist“, entscheidet sich mancher für einen Hund, „nach dem sich viele Passanten auf der Straße umdrehen“. Vielleicht spielt auch eine Rolle, wenn ein berühmter Filmstar oder irgend ein anderes Idol ebenfalls so einen Hund hat. Das hebt die Nachfrage.

Wie kommen Nichtjäger an solche Hunde? Die dem JGHV angeschlossenen Gebrauchshund-Zuchtverbände haben zwar alle in den Statuten stehen, dass Welpen nur in Jägerhände verkauft werden sollen, doch wenn es Blüten treibt wie derzeit beispielsweise bei den Weimaranern beider Haararten, fallen offensichtlich doch einige Züchter um, oder werden mit irgendwelchen üblen Tricks überlistet.

Als Welpe sind diese Hunde aber auch zu „putzig“

Ein Weimeraner-Welpe kostet – wie andere große Jagdhunde auch – etwa 500 Euro. Nichtjäger bezahlen aber ohne mit der Wimper zu zucken bis zu 2000 Euro, und das bringt manche Züchter wohl doch in Versuchung. Wenn Nichtjäger aber von seriösen Züchtern abgewiesen werden, erfinden sie oft geradezu haarsträubende Geschichten wie zum Beispiel: „Sie müssen wissen, mein Großvater hat nämlich ein großes Revier, der soll den Hund zum Geburtstag bekommen. Es soll eine Überraschung werden, deswegen können wir auch keinen Jagdschein vorlegen.“

Oder es werden Bekannte mit einem gültigen Jagdschein vorgeschickt und der Käufername erst später umgetragen. Auffälliger ist es,wenn die Papiere bei der Welpenübergabe ausgefüllt werden sollen und es plötzlich heißt, dass ein anderer Besitzername eingetragen werden soll. Dann werden seriöse Züchter aufmerksam. Aber was sollen sie tun, wenn ein Interessent glaubhaft versichert, dass er sich zum Jungjägerkurs angemeldet hat oder es in Kürze tun wird?

Zugriff haben die Verbände dann nur noch, wenn ein Nichtjäger später eine jagdliche Prüfung mit seinem Vierläufer ablegen will. Ohne Jagdschein wird laut JGHV kein Führer zu Verbandsprüfungen zugelassen. Dies ist unter bestimmten Voraussetzungen lediglich bei Retriever-Rassen (und hier mit der ein wenig scheinheilig anmutenden Einschränkung: „…wenn der Hund für die Zucht relevant ist“) und einigen Teckeln möglich. Der JGHV bemüht sich aber um die Integration der Nicht-Vorstehundrassen (sogenannte Sektion fünf), die teilweise über einen großen Anteil an Nichtjägern verfügen. Man möchte diese – aus Sorge um die Hunde – stärker an den Verband und seine jagdkynologischen Ziele heran führen.

Seit Jahren boomen zu allem Unglück nun auch noch die anerkannten Schweißhundrassen Bayerischer Gebirgsschweißhund (BGS) und Hannoverscher Schweißhund (HS). Viele Züchter können ein Lied davon singen. Als Welpe sind diese Hunde aber auch zu „putzig“ – um mit den Worten eines Welpeninteressenten zu sprechen – dunkle Maske, riesen Behänge, ausdrucksvoller Blick und eine possierlich faltenreiche Stirn. Dass diese Rassen wie auch alle anderen Jagdhunde zur genetischen Triebbefriedigung die Jagd brauchen und ohne ihre spezielle Aufgabe, auf die sie über Generationen hingezüchtet wurden, in gewisser Weise dahindämmern, interessiert allem Anschein nach die wenigsten.

Eine weitere, sehr beliebte und oft privat gehaltene Rasse ist der Kleine Münsterländer (KlM). Selbst in allgemeinen Hunderassen-Ratgebern wird er als ein optimaler Familienhund empfohlen und sogar als „stadttauglich“ beschrieben, was natürlich von KlM-Verbandsseite so nicht mitgetragen wird.

Nährboden für „Schwarzzucht“

Gefällig und freundlich in ihrer Erscheinung erobern diese hübschen Hunde natürlich die Herzen von Hundeliebhabern im Sturm. Die KlM-Landesgruppe Hessen verfährt seit Jahren so, dass man dort eine Hündin erst dann belegen lässt, wenn mindestens vier ernsthafte (natürlich jagdliche) Interessenten Vorbestellungen abgegeben haben. Vielleicht ist das ein Ansatz.

Jägerinnen und Jäger, Rüdemänner und -frauen, ob als Führer und/oder Züchter, wissen, wie schwierig es ist, Welpen nur an „die richtigen Leute“ abzugeben. Kaum einer kann mit Sicherheit sagen, was später aus dem Kleinen wird. Und wenn Welpen-interessenten anrufen, kann und wird man nach bestem Wissen hinterfragen, ob der Käufer Jäger ist und wenn ja, ob denn der Hund auch später wirklich zum jagdlichen Einsatz kommt, genügend Arbeit hat und auf Prüfungen vorgestellt wird.

Bedauerlich ist, dass das große Interesse von Nichtjägern an Jagdhunden den Nährboden für „Schwarzzuchten“ bereitet. Diese Marktlücke ist eine lukrative Möglichkeit zum Geldverdienen, ohne dabei an das Wohl der Vierläufer zu denken. Und wertvoll wirkende „Papiere“ mit dekorativen Wappen und „adlig“ klingenden Namen kann man heute auf jedem Heim-Computer erstellen.

Gerade die Schweißhundverbände leiden dabei sehr unter Auslands-Importen und auch manchen deutschen Vermehrern. Es ist abenteuerlich, was da zum Beispiel so alles unter der Bezeichnung: „Schweißhund mit Papieren“ gehandelt wird. Das böse Erwachen kommt in solchen Fällen häufig erst, wenn Käufern klar wird, dass weder der VDH, der JGHV oder der CIC etwas mit der Züchtung ihres Hundes am Hut haben.

Es ist äußerst schwierig, diesem Problem zu begegnen. Meistens geht es den Nichtjägern definitiv nicht um die Eigenschaften einer bestimmten Rasse sondern lediglich um das Aussehen des Hundes.

Wie mir die Ausbilderin einer allgemeinen Hundeschule versicherte, kommen immer wieder Hundehalter mit ihren Welpen auf den Platz und erfahren wirklich erst hier, dass es neben dem Aussehen der Rassen auch noch Unterschiede in Bezug auf das Wesen, die Bedürfnisse und gewisse Notwendigkeiten gibt.

Manche Tierzeitschriften sind voll von Themen über Hunderassen mit Vorschlägen zu Haltungs- und Erziehungsproblemen. Buchverlage bringen in den letzten Jahren eine Vielzahl an aktueller Literatur zu kynologischen Themen auf den Markt. Lesen die Leute, die sich einen Hund anschaffen wollen, solche Beiträge nicht?

Der Collie – ein shampoo-gepflegter Schönling

Dazu kommt, wenn die Familie sich bereits für den Vierbeiner einer ganz bestimmten Rasse entschieden hat, dann muss dieser anscheinend gefälligst sofort in Form eines süßen Welpen her. Informationen über die Elterntiere, Zuchtstätte und Prägung interessieren meist weniger. Auf einen neuen PKW ist man hingegen bereit, vier Monate und länger zu warten bis er in der gewünschten Ausstattung lieferbar ist.

Diese Einstellung öffnet den Schwarzzüchtern und Importeuren natürlich Tür und Tor. Nicht selten werden Welpen „frei Haus“ angeboten und geliefert, oder an irgendeiner Staatsgrenze aus dem Kofferraum übergeben. Und auch wenn die Interessenten sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht 100prozentig sicher waren, ob es denn nun wirklich gerade dieser Welpe sein sollte, hat einem der kleine Kerl erst mal die Hand geleckt und einem mit treuem Welpenblick angeäugt, dann soll mal einer den begeisterten Kindern erklären, warum es dieser Hund nicht sein soll.

Aber das Modehund-Problem betrifft ja nicht nur unsere Jagdhundrassen. Denken wir mal an den Collie. Praktisch durch eine Fernseh-Serie wurde aus einem intelligenten Hütehund ein shampoo-gepflegter Schönling. Und viele waren bestrebt einen dieser atraktiven Vierbeiner mit dem seidigen Fell zu erwerben. Nur sollte er eben „Lassie“ möglichst ähnlich sehen.

Oder denken wir an die Abenteuerlust, die aus den herrlichen Alaska-Büchern von Jack London oder aus den Filmen darüber auf die Leser überspringt. Das hatte zur Folge, dass mancher Husky in mitteleuropäischen Wohnstuben ein für ihn wenig artgerechtes Zuhause zugewiesen bekam. Zum Glück ist der Schlittenhund-Boom etwas zurückgegangen, dafür sind manche Tierheime nun voll von Malamuts und Co. Da wollen wir mal gespannt sein, welche Rasse als nächstes „ruiniert“ wird.

Jagdhunde dürfen nicht zu Ware verkommen

Anzunehmen, dass es welche wie den wirklich hübschen, aber geradezu arbeitswütigen Border Collie trifft. Diese Hunde hüten auf Teufel komm heraus – egal was. Und wenn keine Schafe zur Stelle sind – dann eben die Kinder der Familie! Aber wehe die Kinder samt Besuch versuchen das Kinderzimmer zu verlassen. Dann werden sie zurückgehütet und dabei kann es dann bisweilen Schrammen, blutige Fersen und am Ende einen weiteren Hund im Tierheim geben.

Sicherlich trifft es zu, dass die Nachfrage den Markt bestimmt und es wird immer Leute geben, die Gesetzeslücken finden und nur den Profit im Auge haben. Wir Jäger dürfen und wollen „unsere“ Jagdhunde nicht zur „Ware“ verkommen lassen. Auch wenn die Hoffnung auf „ausschließlich“ verantwortungsvolle Züchter sicher illusorisch ist. Schwarze Schafe gibt es eben überall. Den vielen jedoch, die verantwortungsvoll mit von ihnen gezüchteten Jagdhunden umgehen, ist es nicht egal, wo ihre Welpen landen. Die wollen ihre Schützlinge – und dies sind unsere Hunde wirklich – nur in passende Hände abgeben.

Das heißt, Jagdgebrauchshunde nur in Jägerhände, denn Hunde allein zum Kuscheln und als Sofa-Dekoration findet man bei anderen Rassen genug. Und zum Flanieren findet man auch anderswo was Passendes.

Zu einem Bayrischen Gebirgsschweißhund gehört eben standesgemäß eine „echte“ Schweißhalsung – auch in einer Einkaufspassage

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