oberförsterei strzalowo
Das Rotwild der Johannisburger Heide (Polen) blickt auf eine ebenso lange wie wechselvolle Geschichte zurück. Erste Aufzeichnungen stammen bereits aus dem Jahr 1500. Genauere Meldungen der herzoglichen Jäger sind aus dem Jahr 1540 bekannt und beziehen sich auf das Gebiet der heutigen Oberförsterei Strzal /owo (Pfeilswalde) sowie auf die Gegend um Rozogi (Friedrichshof) und Spychowo (Groß Puppen). Zwar spielte die Jagd dort – aus Sicht des Menschen – stets eine bedeutende Rolle, doch war der jagdliche Eingriff zunächst nicht so gravierend, als dass er die natürlichen Abläufe wesentlich aus den Fugen hätte bringen können. Die riesigen Urwaldflächen Masurens, die in ihrer weitgehenden Unberührtheit bis etwa zum Ende des 17. Jahrhunderts Bestand hatten, boten eine reiche Äsungsbasis, und das verbliebene Großraubwild sorgte gemeinsam mit den Jägern dafür, dass der Rotwildbestand in seiner absoluten Höhe begrenzt wurde. Die Zeit, in der das Wild der Johannisburger Heide noch halbwegs ungestört blieb, dauerte etwa bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Folgezeit setzte jedoch ein Rückgang der Wildbestände ein, der soweit ging, dass der Rothirsch als Standwild aus weiten Teilen der Johannisburger Heide praktisch verschwand. Eine besondere Bedrohung stellten russische Immigranten dar – die Philipponen –, die sich zwischen 1828 und 1830 in Ukta ansiedelten und den Rotwildbestand durch Wilderei schrittweise aufrieben. Ein weiterer Grund für den Rückgang war der verheerende Waldbrand zwischen Ruciane- Nida (Rudzanny) und Pisz (Johannisburg) im Jahre 1834. Die Volkserhebungen ab 1848 sorgten letztlich für eine fast vollständige Vernichtung des Wildbestandes.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer schrittweisen Erholung des Rotwildbestandes. Vor allem die erneute Ansiedlung des Rotwildes durch die staatliche Forstverwaltung und private Grundeigentümer sowie ein zunächst intensiver Schutz bewirkten einen spürbaren Aufschwung. Dieser Trend sollte sich bis in unsere Zeit fortsetzen. Eine 1998 mit großem Aufwand durchgeführte Erfassung des Wildbestandes zeigte, dass der Gesamtbestand Ermlands und Masurens zu dem Zeitpunkt etwa 12 500 Stück Rotwild umfasste. Mit dem starken Anstieg der Rotwilddichte in den zurückliegenden etwa 100 Jahren gingen die Wildbret- und Geweihgewichte auch in der Johannisburger Heide spürbar zurück. Die durchschnittlichen Geweihgewichte in der Reifeklasse sanken von 10 auf 4 bis 7 Kilogramm. Um diese Tendenz aufzuhalten beziehungsweise umzukehren, wurden 1997 zahlreiche Jagdbezirke mit ähnlichen Lebensraumbedingungen zu Hegegebieten zusammengefasst, die für eine einheitliche Bewirtschaftung des Wildbestandes Sorge tragen sollten. Eines dieser Hegegebiete, die Puszcza Piska 3/1 (Johannisburger Heide) umfasst die Oberförstereien Strzalowo und Spychowo.

Nach einer Bestandsaufnahme im Jahren 2001 leben in diesem Hegegebiet zur Zeit zwischen 1 300 und 1 500 Stück Rotwild. Davon in der Oberförsterei Strzaowo – von der im Folgenden die Rede sein soll – 1 000 bis 1 100, in der Oberförsterei Spychowo 300 bis 400 Stück. Dies entspricht einer ge- genwärtigen Wilddichte, je nach Einstandsqualität, von durchschnittlich 25 bis 35 Stück Rotwild pro 1 000 Hektar Wald. Ziel der aktuellen Rotwild-Bewirtschaftung ist, den Wildbestand nicht weiter ansteigen zu lassen und eine Verbesserung der Geschlechts- und Altersstruktur des Bestandes sowie eine Erhöhung der durchschnittlichen Geweihgewichte herbeizuführen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die Forstverwaltung die Hirschabschüsse ganz überwiegend an ausländische
Jagdgäste beziehungsweise an das Jagdbüro G. Kahle (Jörg Eberitzsch) verkauft. Dabei zeigte sich, dass die Zahl der durch Jagdgäste erlegten Hirsche zwar anstieg, die Einkünfte aus der Jagdwirtschaft aber trotzdem zurückgingen. Der absolute Tiefpunkt war 1995 erreicht, als von exakt 100 erlegten Hirschen nur noch ein durchschnittliches Geweihgewicht – über die Altersklassen hinweg – von 3,46 Kilogramm verbucht wurde.
Was ist seither passiert? Zunächst zeigten sehr aufwändige Erfassungen der Wilddichte – unter anderem über Probetreiben, bei denen 50 bis 60 Mitarbeiter einige Tage im Einsatz waren – dass man den Wildbestand bisher doch mehr oder weniger stark unterschätzt hatte. Als Reaktion darauf setzte man den Gesamtabschuss um durchschnittlich 20 Prozent höher an. Weitergehende Beobachtungen zeigten aber auch unmissverständlich, dass der Anteil älterer Hirsche viel zu niedrig lag. Bis dato folgte man auch in der Oberförsterei Strzalowo den Richtlinien des Obersten Jagdrates Polens über die Bewirtschaftung des Rotwildbestandes. Diese setzen stabile Bestände bei einem Geschlechterverhältnis von 1:1 bis 1:1,5 voraus und veranschlagen zunächst folgende Gliederung des Abschusses: Kälber = 10 bis 20 Prozent; Alt- und Schmaltiere = 40 bis 50 Prozent; Hirsche = 30 bis 40 Prozent. Dabei sehen die Pläne bei den zu erlegenden Hirschen als Näherungswerte eine Alterszusammensetzung vor, bei der 70 Prozent auf die Jugendklasse (1. bis 4. Kopf), zehn Prozent auf die mittlere Altersklasse (5. bis 9. Kopf) und 20 Prozent auf die obere Altersklasse (10 Jahre oder älter) entfallen.
Die Analysen und Auswertungen zeigten jedoch, dass die Anwendung dieser Richtlinien (zumindest) in der Oberförsterei Strzalowo nicht zum gewünschten Ergebnis führte. Denn, wie bereits erwähnt, die Verantwortlichen und Mitarbeiter beobachteten fast keine älteren Hirsche mehr. Der Abschuss in der oberen Altersklasse belief sich auf nur noch etwa zwei Prozent(!) aller im Jagdjahr erlegten Hirsche. Eine Situation also, die in einigen Rotwildringen Deutschlands durchaus nicht unbekannt ist. Bei der Aufstellung der folgenden Abschusspläne begann man nun schrittweise, die Anzahl der in der Jugendklasse zu erlegenden Hirsche zu reduzieren. Dies mit dem Ziel, den Abschuss mehr in die beiden oberen Altersklassen zu verschieben. Dieser Prozess musste beziehungsweise muss „reifen“, da es zunächst kaum noch alte Hirsche gab. Die Reduzierung des Abschusses in der Jugendklasse zeigte aber schon bald, zumindest ansatzweise, die erwünschten Auswirkungen. Denn bereits 1999 machten die Hirsche der oberen Altersklasse schon sechs Prozent des gesamten Hirschabschusses aus, und aktuell werden etwa zehn Prozent mit steigender Tendenz erreicht. Als Zwischenergebnis steht zunächst also eine beachtliche Verfünffachung des Abschusses in der oberen Altersklasse. Gleichzeitig senkte man den Kälberabschuss – was dazu führte, dass die Zahl der Hirsche in der Jugendklasse anstieg – und schraubte den Schmaltierabschuss nach oben. Unter dem Strich wird letztlich nicht weniger Rotwild in der Oberförsterei Strzalowo erlegt, der Abschuss gliedert sich lediglich zwischen den Geschlechtern und Altersklassen anders auf. Schon in der Anfangsphase wurde dieser Versuch durch das Institut für Jagdforschung an der Universität Krakau unter anderem durch Computersimulationen begleitet, wobei sich ebenfalls zeigte, dass der eingeschlagene Weg im Sinne obiger Zielsetzung der richtige ist. Weiterhin wurde mit dem Institut vereinbart, fortlaufende Bestandserhebungen vorzunehmen, um auch die Altersklassenverteilung sowie das Geschlechterverhältnis im lebenden Bestand vor der Jagdzeit möglichst genau zu erfassen.
Gleichzeitig wurde in einem Experiment das Jagdpersonal im Ansprechen von Hirschen aus der Oberförsterei Strzalowo bezüglich der Geweihmasse und -form weitergeschult. Jeder Teilnehmer musste dabei etwa 500 präparierte Geweihe einschätzen. Den Jägern stand ein Fernglas zur Verfügung, und die Geweihe wurden ihnen bei idealen Lichtverhältnissen auf eine Entfernung von 40 Metern eine Minute lang gezeigt. Dabei offenbarten sich die aus der Praxis hinlänglich bekannten Schwierigkeiten. In einem besonderen Test wurden sieben führenden Jägern 20 Geweihe vom ungeraden 12er bis zum geraden 16-Ender präsentiert. Die Abweichung der Schätzungen von der tatsächlichen Masse bewegten sich durchschnittlich zwischen 150 und 1000 Gramm, was ein beachtliches Ergebnis darstellt und zweifelsohne von der Sachkunde und Erfahrung der Jäger zeugt. Überraschend dagegen ist die Tatsache, dass relativ viele Fehlansprachen hinsichtlich der Endenzahl erfolgten. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen der Test erfolgte. Nicht weniger als 32 Prozent waren Fehlansprachen. Einen ungeraden 12er sprachen alle Jäger falsch an, bei einem ungeraden 10er lag nur einer der sieben Jäger „in der Zehn“. Immer unter der Prämisse der oben ge- nannten Zielsetzung und dem bereits zuvor erfolgten „Herantasten“, setzten sich die Verantwortlichen daran, neue Abschussrichtlinien zu entwickeln, die seit 2004 in der Hegeregion Gültigkeit haben. Dabei sollen die neuen Regeln für den Jäger im Revier deutlich einfacher zu handhaben sein, als die bisher geltenden, und es soll so weit wie möglich gewährleistet sein, dass die stärksten Hirsche bis zum Erreichen der Reifeklasse im Bestand verbleiben. Bei der Ausarbeitung der Kriterien wurden alle verlässlichen Parameter berücksichtigt: Die Alters- und Geschlechtsstruktur des Gesamtbestandes, die Struktur des Hirschbestandes unter dem Gesichtspunkt bestimmter Geweihformen (Endenzahl) je nach Alter der Hirsche, die Durchschnittsmasse des Geweihs im Verhältnis zum Alter und der Geweihform – auch an Hand von Abwurfstangen –, die Charakteristik und absolute Zahl der Hirsche, die zur Brunft beim Rudel stehen sowie die Erfahrungen bei der Bestimmung von Gewicht und Endenzahl des Geweihs durch die Jäger. Sämtliche Angaben dazu wurden seit 1998 in der Oberförsterei Strzalowo gesammelt und gemeinsam mit den Archivdaten der Forstverwaltung, zurückreichend bis zum Jahr 1989, analysiert. Als Ergebnis wird zur Zeit nach folgenden Richtlinien gejagt: Hirsche vom 1. Kopf sind grundsätzlich tabu. Bis zum 4. Kopf können dann alle Geweihten bis zum ungeraden Achter erlegt werden. In der Altersklasse II (5. bis 9. Kopf) sind alle Hirsche bis zum ungeraden Zwölfer frei, in der Reifeklasse sind alle Hirsche – je nach Zahl im Abschussplan – freigegeben. Abgesehen davon, dass Schmalspießer grundsätzlich geschont werden und in der Jugendklasse nur bis zum ungeraden Achter, anstatt wie üblich bis zum geraden Achter, geschossen werden darf, weichen diese Richtlinien eigentlich nur wenig von den bekannten Regularien ab. Neu ist jedoch, dass die Geweihgewichte prinzipiell keine Rolle mehr spielen und dass der Eingriff in die Jugendklasse zahlenmäßig deutlich verringert wurde.
Die Erfolge dieser Neuerungen sind schon jetzt unübersehbar. Die gesammelten Abwurfstangen, die gestreckten Hirsche sowie die Beobachtungen durch die Jäger zeigen, dass wieder vermehrt ältere, starke Hirsche in der Oberförsterei ihre Fährte ziehen und zur Strecke kommen. Hinzu kommt, dass das durchschnittliche(!) Geweihgewicht in der Reifeklasse zwischen 6,5 Kilogramm bei den geraden Zehnern bis zu 7,8 Kilogramm bei den geraden 16-Endern schwankt.

Die Maximalgewichte in den einzelnen Kategorien stiegen bereits wieder auf 8,5, 9 und 10,5 Kilogramm. Die Rechnung der verantwortlichen Forstbeamten in Strzalowo geht also offenbar auf. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Abgleich der Geweihstufen über die Altersklassen hinweg. Während ein gerader Zwölfer im Alter von vier bis fünf Jahren durchschnittlich „nur“ 3,3 Kilogramm Geweihgewicht erreicht, steigert sich dieser Wert auf 4,2 kg bei den sechs- bis siebenjährigen Zwölfern über 5,3 bei den acht- bis neunjährigen bishin zu 6,1 Kilogramm in der Reifeklasse. Und während die Waage bei den sechs- bis siebenjährigen 16-Endern bereits bei durchschnittlich 4,7 Kilogramm stillsteht, geht der Zeiger bei den 16-Endern der Reifeklasse im Mittel bis 7,8 Kilogramm hinauf. Durch die mit ungeheurer Akribie und Ausdauer zusammengetragenen Beobachtungen weiß man heute in Strzalowo auch recht genau über die Struktur des lebenden Hirschbestandes Bescheid. So tragen 35 Prozent aller Hirsche – unabhängig vom Alter – ein gerades Zwölfer- oder ein endenreicheres Geweih. Von im Mittel etwa 180 Hirschen der beiden oberen Altersklassen werden nur etwa 30 Prozent Platzhirsche, davon 33 Prozent in der Reifeklasse und 67 Prozent in der Altersklasse II. Von den Platzhirschen wiederum tragen 83 Prozent mindestens ein gerades Zwölfer- oder ein endenreicheres Geweih.

Wie aber wird die Kahlwildbejagung in der Oberförsterei Strzalowo gehandhabt? Lediglich Schmaltiere werden in der Zeit vom 15. Juli bis zum 31. August – also vor der Brunft – durch das Jagdpersonal und die Forstbeamten bejagt. Die Notwendigkeit dazu ergibt sich allein schon aus dem reduzierten Kälberabschuss. Dazu Oberförster Zbigniew Ciepluch gegenüber WILD UND HUND: „Die Gegner des Abschusses von Schmaltieren im Juli und August, die dies damit begründen, dass man versehentlich ein führendes Alttier erlegen könnte, frage ich, wie es möglich ist, dass dieselben Jäger, die nachts auf Sauen schießen, zwar sicher eine Bache erkennen, aber nicht in der Lage sind, am Tage ein Schmaltier von einem führenden Alttier zu unterscheiden.“

Während der Brunft wird grundsätzlich kein Kahlwild geschossen. Darüber hinaus  werden Tiere und Kälber nur im Rahmen von Bewegungsjagden im Herbst und Winter erlegt. Diese Jagden werden jeweils im Abstand von zwei Monaten auf insgesamt etwa 40 Prozent der Gesamtfläche veranstaltet. Pro Tag werden dann nicht mehr als drei Treiben durchgeführt, wobei die Treiben selbst etwa 500 Hektar umfassen und nicht länger als zwei Stunden dauern. An jeder Jagd nehmen durchschnittlich 55 Jäger (auf Ansitzböcken) und etwa ebenso viele Treiber teil.

Bei der Auswahl der Stände sowie der Organisation der Treiben räumen die Verantwortlichen der Sicherheit bei der Schussabgabe allerhöchste Prioritität ein. Gleiches gilt für die Möglichkeit des freien Schusses auf anwechselndes Wild. Zonen, in die nicht geschossen werden darf, werden sorgfältig durch rote Markierungen gekennzeichnet. Abgesehen von Tagen mit auch in Polen unvorhersehbaren Witterungsbedingungen, zeigt diese Form der Jagd fast ausnahmslos den gewünschten Erfolg. Durchschnittlich kommen etwa 80 Stück Schalenwild, davon etwa 40 Stück Rotwild sowie meistens auch einige Füchse und Marderhunde zur Strecke. Dass sich die Forstverwaltung in der Hegeregion Puszcza Piska, abgesehen von der Eindämmung der Waldschäden, auch um die natürlichen Lebensgrundlagen des Wildes sorgt, zeigt die Tatsache, dass in den Oberförstereien Strzalowo und Spychowo insgesamt 270 Hektar Wiesen unterhalten werden, von denen wechselweise etwa 80 Hektar jährlich gemäht werden, um über die komplette Vegetationsperiode hinweg frische Äsung „bereitzustellen“. Hinzu kommen 46 Hektar Wildäcker. Als Beispiele weiterer Maßnahmen seien an dieser Stelle die Pflege von Obstbäumen sowie die Freihaltung offener Feuchtgebiete genannt.